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LOUIE AUSTEN
INTERVIEW AM 3. FEB. 2002, BEI LOUIE ZUHAUSE UND IN DER "PALATSCHINKENKUCHEL",
WIEN 1
MIT JHM
Schmerz fügt man
sich immer selber zu
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Wann hattest Du das erste Mal das Gefühl,
dass Dir Dein Herz weh tut, das es fast zerbricht?
Ich glaube, ich war damals 15. Ich hatte enormen
Liebeskummer. Das Mädchen, in welches ich verliebt war, war
sehr katholisch erzogen. Ihr Vater war sehr streng und wir durften
uns nicht sehen. Die einzige Möglichkeit, uns zu treffen,
war am Sonntag nach der Kirche. Es war eine aussichtlose, hoffnungslose
Liebe ein bisschen so wie Romeo und Julia.
Das was so weh tat und belastete war das Wissen, dass es eine Liebe ohne
Chance und Zukunft war. Ich fühlte mich so hoffnungslos und ohnmächtig.
War sie auch in Dich verliebt?
Ja, ich glaube, wir haben uns sehr gut verstanden.
Es war etwas sehr Reines und Zartes zwischen uns. Heutzutage ist
die Geschichte vielleicht lächerlich, denn es ist kein Problem
mehr sich zu sehen. Ich klinge jetzt vielleicht, als würde
ich eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert erzählen aber
diese Beschränkung unserer Liebe war schrecklich.
Wie ist die Liebe zu Ende gegangen?
Eigentlich ist eine Liebe wahrscheinlich nie beendet.
Man trägt die Menschen, die man einmal geliebt hat ein ganzes
Leben lang im Herzen. Also, ich zumindest...ich weiß nicht...
Der Liebeskummer begleitete Dich schon während
der Beziehung zu dem Mädchen?
Ja. Da war auch die Angst, entdeckt zu werden, sich
nicht sehen zu können, keine Zustimmung, keine Unterstützung
zu erfahren. Eigentlich ist es die Aufgabe von Eltern, ihre Töchter
und Söhne in der Liebe zu unterstützen.
Gab es da vorher schon andere Beziehungen oder
war das Deine erste?
Ja, mit 7 oder 8 Jahren. Es war ein Mädchen,
das ich immer auf dem Weg zur Schule abgeholt habe. Sie war süß.
Und dann gab es noch ein anderes Mädchen. Es wohnte im selben
Bau. Sie war für mich vielleicht weil sie die einzige
im Bau war so faszinierend und toll. Das war schön.
Hast Du damals auch Beziehungen erlebt, die Dir
Schmerz verursacht haben?
Ich hatte in der Hauptschule einen Freund, der mich
immer so ausgegrenzt hat. Ich wollte dabei sein und mitkommen,
aber er hatte einen anderen Freund und deswegen grenzte er mich
aus. Mein Glück war der Umzug in eine große Eisenbahner-Siedlung.
Es gab dort viele Kinder und ich hatte sofort einen großen
Freundeskreis.
Ist der Schmerz zu dem 15 jährigen Mädchen
noch da?
Ja sicher. Der Schmerz ist immer abrufbar, aber er
beeinflusst mich nicht mehr. Schmerz fügt man sich immer selber
zu, andere können das eigentlich gar nicht tun.
Was war Dein größter Liebesschmerz?
Ich liebte eine Frau, die damals ein Star war und
ein noch größerer Star werden wollte. Sie hatte deshalb sozusagen
aus beruflichen Gründen eine Beziehung zu einem anderen
Mann. Das war für mich ein wahnsinniger Schmerz. Sie glaubte,
dass man das trennen kann: unsere Liebe und das, was sie aus beruflichen
Gründen tat. Ich hab das nicht eingesehen, ich hab fürchterlich
darunter gelitten und habe Schluss gemacht.
Wann war das ungefähr?
Das war Mitte der 70er Jahre in Wien. Ich habe sie
im Konservatorium der Stadt Wien kennengelernt. Es wurde eine Beziehung
daraus.
Doch sie hat jedes Mittel benutzt, um Karriere zu machen. Für sie
war es business, für mich war es der reine Horror.
Wie bist Du damit umgegangen?
Ich hab mich von ihr getrennt, ich wäre sonst
drauf gegangen. Es hat allerdings einige Jahre gedauert. Es war
ziemlich krass der Trennungsschmerz und das Unverständnis.
Ist Dein Weltbild damals ins Wanken geraten?
Absolut. Vielleicht auch deshalb, weil diese Frau
meinen Idealvorstellungen entsprach: unglaublich schön, intelligent,
temperamentvoll, erotisch die "Urfrau", der Traum
schlechthin, in jeder Beziehung.
Wie lange seid Ihr zusammen gewesen?
3 oder 4 Jahre.
Habt Ihr von Anfang an Konflikte gehabt?
Nein, erst nach einiger Zeit, weil ich ihr durch
Zufall drauf gekommen bin. Sie wurde von einem Dirigenten nach
Hause gebracht und ich hab vom Wohnungsfenster aus gesehen, wie
sie ihn im Auto abgeschmust hat. Das war für mich ein traumatisches
Erlebnis.
Der von einer Frau verursachte Liebesschmerz war das Schlimmste, was
ich erlebt habe. Vielleicht war der Tod meines Vaters ähnlich schlimm,
es ist aber nicht zu vergleichen. Ich hab mich selbst ganz und gar in
Frage gestellt, es war für mich eine existentielle Bedrohung.
Ich kenne da eine Geschichte mit Bedeutung: Am Anfang hatten die Götter
kein bestimmtes Geschlecht, denn sie waren Mann und Frau in einer Person.
Sie sind übermütig geworden und Gottvater hat sie dafür
bestraft. Er hat das Männliche und das Weibliche voneinander getrennt.
Die Suche nach dem Glück im Leben bestand von nun an darin, die
Verbindung zwischen Mann und Frau wieder herzustellen Eins sein.
..........also egal ob eine hetero- oder homosexuelle Liebe dazu führt den
Gegenpol finden Eins werden das ist die Sehnsucht.
Es hat auch Zeiten gegeben, wo ich viele One-Night-Stands hatte mal
die, mal die. Für mich war es unbefriedigend, ein blöder Zustand.
Viele Männer sehen darin ein Ideal. Das finde ich gar nicht, für
mich ist es komplett unbefriedigend.
Ich finde, dass Männer mit so einem Casanova-Komplex arme Schweine
sind und sich dabei auch noch gut vorkommen, aber in Wirklichkeit am
Leben vorbeileben.
Wie geht es Dir heute?
Gut. Weil ich glaube, gelernt zu haben, wenn ich
jemanden liebe, ihn auch loslassen zu können, ihm die Freiheit
zu lassen. Ab dem Moment, wo ich aus einem Suchenden zu einem Liebenden
geworden bin, hat sich alles verändert.
Wann war das?
Erste Gehversuche in diese Richtung hab ich unternommen
als ich 40 war, nach dem mir aufgefallen ist, dass zwischen Theorie
und Praxis große Unterschiede bestehen. Ich hab mit den Jahren
aufgehört nur zu reden und zu philosophieren, ich hab statt
dessen versucht, auch entsprechend zu leben.
Gab es Auslöser?
Ja, Bücher.
Welche waren das in erster Linie?
Es waren Bücher zum Thema Beziehung zwischen
Mann und Frau. Ich hab mich auch mit östlichen Philosophien
beschäftigt.
Warum hast Du Dich damit beschäftigt?
Es hat viele Momente gegeben, wo ich nicht mehr weiter
wusste. Ich hatte Probleme mit Frauen, aber nicht nur.
Bücher waren für mich immer Begleiter. Ich hab geglaubt, dass
ich durch Auswandern oder Umziehen meine Probleme lösen kann. Es
hat aber keinen Sinn gehabt. Die Probleme sind immer mit gekommen und
zum Teil sogar noch stärker geworden. Davonlaufen kann keine Lösung
sein. Man muss das Problem annehmen, sich ihm stellen, es lösen.
Es ist egal, in welchem Land man das tut.
Hast Du jetzt auch noch Liebeskummer?
Ja, es kommt noch immer manchmal vor, dass ich mich "unsterblich" verliebe,
wo ich von vornherein weiß, dass die Gefühle unerwidert
bleiben werden. Es macht mir aber nichts mehr aus.
Es ist mir nur wichtig, dass dieser Mensch es weiß. Ich lasse es
ihn wissen, in dem ich ihm z.B. in einem Brief schreibe. Erfüllung
und Zuwendung zu erhalten, ist für mich nicht mehr so wichtig wie
früher.
Das Gefühl, die Info weiter zu geben, zu sagen, dass ich jemanden
bewundere das wird mir immer wichtiger.
Etwas vom Anderen zu erwarten, ist nicht mehr so von Bedeutung. Der Suchende
ist der Fordernde. Das ist eine primitive Form der Liebe. Es geht darum,
zu lieben ohne zu fordern. Die Liebe ist an keine Bedingungen, keine "Deals" geknüpft,
es geht also um bedingungslose Liebe. Man kann damit wesentlich leichter
leben.
Es geschieht für mich recht häufig in den letzten Jahren, dass
ich für jemanden Liebe empfinde. Ich schreibe der Frau, die ich
liebe, Briefe. Es ist dann egal, ob sie reagiert oder nicht.
Es ist nicht immer leicht, zu den eigenen Gefühlen zu stehen. Deswegen
ziehe ich die schriftliche Form vor. Sonst ist das Ganze zu angstbesetzt.
Briefe, wo man alles hineinlegen kann, alles Gefühl das ist
gut.
Einfach "losschreiben" ist besser als ein Rendezvous zu haben
oder zu telefonieren. Da muss man keine Angst vor Peinlichkeiten haben.
Man hat nachher noch immer die Möglichkeit, weiter zu machen. Auf
diese Weise belästige ich den Anderen nicht. Ich löse auch
keine Angst bei ihm aus, dass ich nun lästig werden könnte,
mit meiner Zuneigung.
Ich schreibe, dass es mein letzter Brief ist und dass ich von meiner
Seite keinen weiteren Kontakt mehr iniziieren werde, um keine Schuldgefühle
zu verursachen.
Ich lege einfach ein Geständnis ab, und die/der Andere hat dann
die volle Freiheit das zu tun, was er möchte.
Die geballte Emotion geht los. Dann - Zeit geben es gibt keinen
Druck, keinen Zwang.
Ich habe damit alles gesagt, alles getan. Ich hab mich offenbart, ich
hab mich preisgegeben.
Braucht es Mut dazu?
Ja. ...........andere treffen die Entscheidungen
des Umgangs. Ich knüpfe keine Forderungen daran. Das sehe
ich klar. Es ist wie ein Lottoschein. Ich habe alles getan gewinnt
man gut, wenn nicht auch okay.
Das Abschicken des Briefes bedeutet für mich eine Befreiung. Es
geht auch darum, dazu zu stehen, und zwar um meinetwillen, Gefühle
nicht klein zu machen. Das gibt auch Kraft, es stärkt. Man wird
immer mutiger, man wächst daran.
Es ist wichtig, dass der andere es weiß.
Hast Du ein Notprogramm bei Pain, also wenn der
Boden unter den Füssen weg ist?
Ich verwöhne mich dann extrem: Ich sage alle
Termine ab, höre Musik, gehe ins Kino... Ja, gut essen, lange
schlafen, ein Bad nehmen, sich pflegen, viel Zeit nehmen das
hilft mir.
Ich höre dann gerne Peter Allen:"I go to Rio", Chipsy
Kings. Dann: Urlaubsprospekte holen, schreiben, einkaufen: tolles Frühstück,
Obst, ... alles, was nicht von mir gefordert wird. Selbstliebe! Verwöhnen
bis zum Geht-nicht-mehr. So ein Tag wirkt Wunder.
Was machst Du, wenn Du in Wut gerätst?
Fitnesstraining ich gehe joggen. Laufen ist
ideal. Oder ich nutze es als Arbeitsenergie. Ich kann dann Dinge
machen, die ich sonst nicht mag. Ich bin sonst kein Krieger, aber
in dem Zustand hab ich den Antrieb zu kämpfen.
Singen hilft sehr, singen ist auch eine therapeutische Angelegenheit.
Wie ein Jungbrunnen; und da kann ich alles rausschreien.
Ich lege meinen ganzen Schmerz und die Wut in die Lieder. Gefühle
sind eine Energieform, die ich versuche umzusetzen.
...Resent..?
Lesen - ich lerne viel aus Büchern, mit Freunden
Probleme besprechen, darüber nachdenken, was gelaufen ist,
reflektieren.
Ich versuche auch, auf den Konflikt frontal zuzugehen, ich rufe an und
frage nach...
...Over...?
Ich starte einen totalen Angriff auf alles, was ich
gerne machen würde. Ich erfülle mir die unmöglichsten
Wünsche und Träume. Ich geh dann alles mit voller Power
an.
Was die Musik betrifft, so hör ich z.B. Barry White, Radio Orange.
Ich verwende die Energien der 4 Schmerzstufen für andere Dinge,
für die Dinge, für Projekte, die mich weiter bringen.
Depression heißt, dass die Gefühle zugedrückt werden.
Man muss sich zu den Gefühlen bekennen, sie rauslaussen, annehmen.
Es ist okay, sie rauszulassen. Wenn man ihnen freien Lauf lässt,
gibt es keine Depression mehr.
Egal welches Gefühl es ist, es ist ok.
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