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DORIS KNECHT


INTERVIEW AM 04. April. 2002, CAFE STEIN, WIEN
MIT JHM

 

"...und sonst gab es diese Bilder- und Informationsflut noch nicht, die mitdefiniert, wie Liebe und Sexualität "zu sein hat", wie man aussehen soll, um als attraktiv zu gelten"

 

 

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DorisKnecht

© Oliver Kartak

Kannst Du Dich an Deinen ersten großen Liebesschmerz erinnern?

Ja, allerdings habe ich ihn damals nicht als Liebeskummer erkannt. Es war ein verschwommenes Gefühl von schmerzlichem Unbehagen. Es war am Hochzeitstag von Papas Freund und ich war elf. Ich empfand Verlust und Trauer.
Ich kannte den Freund meines Vaters sehr gut. Er hat oft auf meine Schwestern und mich aufgepasst – "babygesittet" sozusagen. Ich fand ihn toll, bewunderte ihn sehr. Er war so anders als alle die ich kannte. Er trug immer ausgewaschene Jeans, wilde Pullis, war verwegen und sehr offen und nahm mich "für voll" – er schien mir aus einer andern Welt zu kommen. Mit ihm machten wir die abenteuerlichsten Ausflüge in die Berge, übernachteten in Schlafsäcken am Lagerfeuer. Er spielte Gitarre und nahm mich auf Rockkonzerte mit. Ich lernte so viel von ihm und war von ihm begeistert.
Auch seine Freundin, die oft mit dabei war, mochte ich sehr. Doch als die beiden vorm Altar standen und meine Schwestern und ich dazu Flöte spielten, da verspürte ich einen furchtbaren Schmerz des Verlustes: ich konnte ihn nicht haben. Seine Frau fand ich toll und wunderschön und ich wollte genau so sein wie sie. Das war ziemlich anstrengend.

Wann hast Du das schmerzliche Gefühl als Liebeskummer erkannt?

Erst einige Jahre später. Zuvor war ich nicht in der Lage, zu abstrahieren und zu erkennen worum es ging. Ich hatte mit 11, 12 auch noch keine genauen Vorstellungen von Liebe. Ich denke das war zu der Zeit, in den 70ern, auch noch einfacher – man war nicht so voller Bilder über Liebe und Sex. Meine Eltern waren nette Katholiken und ließen uns nicht so viel fernsehen – und sonst gab es diese Bilder- und Informationsflut noch nicht, die mitdefiniert, wie Liebe und Sexualität "zu sein hat", wie man aussehen soll, um als attraktiv zu gelten und so weiter.

Hast Du ihn, als Du älter wurdest, vergessen?

Nein. Nach ein paar Jahren hat ihn seine Frau verlassen. Wir gingen auch noch manchmal gemeinsam aus und als ich 17 war, da haben wir eine Nacht zusammen verbracht. Wir haben die ganze Nacht geschmust, aber es ist nichts daraus geworden.
Er hat mich dann frühmorgens nach Hause gebracht – es war seltsam und zugleich lustig, als wir gegenüber meinem Vater, der über mein langes Wegbleiben nicht eben glücklich war, das "Babysitter/Kind-Verhältnis" hervorgehoben haben und ihm klar machten, dass sein Freund eh gut auf mich aufgepasst hat.
Vor ein paar Jahren habe ich ihn wieder getroffen. Er ist erneut verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat mir erzählt, dass er damals sehr verliebt war in mich – so wie ich in ihn...

Was hast Du als den schlimmsten seelischen Schmerz erfahren?

Das Gefühl, zurückgewiesen zu werden, nicht zu genügen. Das habe ich oft erlebt. Es hat alles nichts genutzt: ich habe an mir gearbeitet, sah gut aus, war erfolgreich und so weiter und so fort – und dennoch "genügte" ich nicht. Fürchterlich! Vor allem, wenn ich dann in Selbstzerfleischung verfallen bin und nicht das System oder "ihn" in Frage gestellt habe, sondern dauernd mich selbst. Ich hatte auch dummerweise einen besonderen Hang zu Männern, die nicht gut für mich waren. Ich wollte sie unbedingt dazu bekommen, mich zu lieben. Es tat auch furchtbar weh, festzustellen, dass ich mich nicht auf mein Gefühl verlassen konnte. Ich dachte: "Das ist der Richtige!" – Aber ich war dann nicht die Richtige für ihn. Das hat mich eine Weile lang ganz schön kaputtgemacht. Ich half mir dann mit einer "Krisen-Intervention" und machte kurz eine Therapie. Sehr zu empfehlen!
Ich konnte feststellen, dass Frauen oft viel mehr reflektieren als Männer. Männer denken nicht dauernd über sich selbst nach und machen nicht ihr eigenes Versagen dafür verantwortlich, wenn etwas nicht funktioniert.