Startseite
Philosophie
Schemrzstufen
PEACE
Lovepangstm
Interviews
Lovescience
City Guide
lovepangs TV
KOntakt
Archiv
 

ALEXANDER PEREIRA

 


INTERVIEW AM 20. JUNI 2002 IM OPERNHAUS, ZÜRICH
MIT JHM

 

Es gibt viele Formen der Liebe.

 

 

<< zurück

 

 

Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, dass das Leben weh tut?

Das war, als ich gemerkt habe, dass ich keinen Vater habe. Er ist mit dem Flugzeug über Indien abgestürzt als ich zwei Jahre alt war. Ich hatte damals keinen Schmerz, doch als ich 8, 9 Jahre alt war, fehlte er mir plötzlich sehr. Erst in diesem Alter fiel mir auf, dass ich im Unterschied zu meinen Mitschülern, ohne Vater war. Das machte mich sehr traurig. All die anderen hatten Mutter und Vater, doch ich hatte "nur" meine Mutter. Sie übernahm die Doppelaufgabe und stand dementsprechend unter Druck.
Etwa zur gleichen Zeit erlebte ich auch meinen ersten Liebeskummer mit einem Mädchen. Wir waren immer zusammen, spielten miteinander und ich habe sie sehr geliebt. Doch dann wurden wir getrennt. Ich musste ins Internat. Es war eine schreckliche Trennung!
Manche Erwachsenen können sich kaum mehr vorstellen, dass man als Kind bereits verliebt ist, liebt und unter Liebeskummer leidet.
Ja, aber es ist so. Alter schützt vor Liebe nicht. Weder, wenn man ganz jung ist, noch, wenn man schon alt ist.

Haben Sie Ihre Freundin dann nach der Trennung wieder gesehen?

Jahrelang haben wir uns nicht gesehen. Ihre Eltern sind, als ich im Internat war, mit ihr weggezogen. Erst etwa 10 Jahre später trafen wir uns wieder und ich hatte sie bereits in meiner Erinnerung leider dermaßen idealisiert, dass die wirkliche Person nicht Schritt halten konnte. Sie war nicht so schön und wunderbar und herrlich und über allem erhaben, wie ich es mir vorgestellt habe.

Die Vorstellungen von der Liebe unterliegen oft einem romantischen Bild...

...denn die Vorstellungen, bildet man sich als Kind. Man sehnt sich nach der vollkommenen Liebe und Harmonie, nach einer göttlichen, reinen Liebe. Das ist wunderschön, doch die spätere Suche, diese göttlichen Liebe mit einem anderen Menschen leben zu wollen, die Liebe stark zu idealisieren – das kann auch eine Flucht vor der Wirklichkeit sein und die Motivation Angst vor wirklicher Berührung. Liebe sollte man auf jeder Stufe des Lebens zu erkennen suchen – wie auch immer sie sich zeigt.

Liebe ist ja nicht beschränkt ist auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf eine "Paarbeziehung".

Nein, Liebe ist frei. Auch in Paarbeziehungen sollte die Liebe unabhängig sein vom Gegenüber. Es geht um das Lieben per se, um das Lieben können, auch wenn man nichts dafür bekommt. Liebe ist kein Gegengeschäft. Und man liebt nicht nur einen Menschen, sondern eine Vielzahl von Menschen. Ich meine damit nicht, dass jedes Gefühl von Liebe das Bett zum Ziel hat.

Wie, ich denke es war Stefan Zweig, schrieb: "Wer nur einen Menschen liebt, liebt gar nicht."?

Ja, denn man kann auch 10 verschiedene Musikstücke lieben, ein jedes berührt einen und ist wichtig und man liebt jedes einzelne. Man muss nicht alles in einem einzelnen Menschen suchen und finden wollen. Dennoch scheint unsere Gesellschaft das Lieben eines einzigen Menschen sehr zu befürworten. Wir werden geprägt durch Märchen, Filme usw. die alle von der einen wahren Liebe erzählen. Spätestens seit der Romantik besteht ja diese Vorstellung.
In der Romantik wurde die Philosophie des Individuums immer stärker. Es kam zu einer Überbetonung des Individuums. Gab es vorher die Idee des "homo universale", wo Schöpfer und Rezipient in der gleichen Welt leben, so beginnt in der Romantik ein Aufblasen einzelner, individueller Teile. Wie ein Ballon, der immer stärker aufgeblasen wird, wurde die Vorstellung des "homo universale" zerfetzt. Lauter auseinander gerissene Ballonteile liegen nun herum und wir leben und lieben isoliert. Ich begreife es als Aufgabe unserer Gesellschaft, nun mit dem Wissen des 20. Jahrhunderts, diese Einzelteile wieder zusammenzusetzen. Nicht die Individualliebe, sondern die universelle Liebe sollte in den Mittelpunkt rücken.

Die Liebe zu einem Menschen ist nicht so wichtig?

Doch, aber die Liebe zu einem "höheren", göttlichen System beinhaltet ohnehin die Liebe zu Menschen. Wir bestehen aus konzentrischen Kreisen, der innerste konzentrische Kreis ist mehr als irdische Liebe. Tiefer ist sicher die Liebe zu Gott und Gott ist Liebe. Liebe in ihrer Gesamtheit, der Inbegriff des gesamten Liebespotenzials des Universums.

Spürbar auch manchmal in der liebenden Verbundenheit zu einem Menschen.
In der Beziehung zwischen zwei Menschen gibt es manchmal Augenblicke, Sekunden, wo diese göttliche Liebe und Harmonie da ist. Zu glauben, diese könne man festhalten, über Jahre ausdehnen, ist Illusion. Dieses Geschenk kann immer wieder da sein, aber erzwingen oder in Formen pressen lässt es sich nicht. Es gibt so viele Formen der Liebe – auch die nicht auf Menschen bezogene Liebe. Liebe zu einem Werk, zur Musik, einer Idee, die uns Kraft und Wärme und Energie und Harmonie schenken kann, uns wieder aufrichten kann.

Was hat Sie in Ihrem Leben niedergedrückt? Gab es einen großen Schmerz, der Sie mitbestimmt hat?

Jeder Mensch besteht aus Niederlagen und Ängsten. Bisher ist aus allen Situationen, die ich erst als Katastrophe empfand, etwas Schönes geworden. Es ist wichtig, Grenzerfahrungen zu machen, um die Zusammenhänge des Lebens begreifen zu können und um sich von egoistischen Zügen befreien zu können.

Was war Ihr größter, persönlicher Schmerz?

Es gibt viele, doch ein sehr großer war die Einsicht, meinen Lebenstraum nicht erfüllen zu können. Ich habe 10 Jahre Gesang studiert, habe all meine Energie dafür aufgewendet und immer geglaubt, die Schwelle nun überschritten zu haben, es geschafft zu haben, ein großer Sänger werden zu können, doch ich wurde immer wieder zurückgeworfen. Ich musste einsehen, dass es mir nicht bestimmt ist, das Singen, das ich so sehr liebe, selbst auszuüben. Das war eine riesige Niederlage für mich. Doch die Katharsis nach der Katastrophe war die Entdeckung, dass es mir beschieden ist, andere im Singen zu beurteilen und zu fördern.

Und in Liebesbeziehungen?

Als meine Frau die Kinder nahm und zurück nach Wien ging – das war ein unglaublicher Schmerz, eine unglaubliche Niederlage. Und ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht, als ich die Kinder mit dieser Niederlage identifiziert habe und sie deshalb nicht mehr gesehen habe. Ich wollte durch sie nicht an den Schmerz erinnert werden. Das war der größte Fehler, denn die Kinder haben dafür bezahlt. Das Schlimmste ist, dass es nicht wieder gut zu machen ist. Was man Kindern nicht gibt, wenn sie zwischen 10 und 20 sind, das kann man ihnen nicht mehr schenken, wenn sie zwischen 20 und 30 sind. Was damals fehlte kann man bestenfalls ein bisschen gut machen, doch das Meiste ist verloren.

Empfinden Sie das Leben als schmerzlich?

Das Leben gibt immer wieder neue Chancen. Man muss wissen, dass man im Leben ein Stehaufmännchen ist. Manchmal unten, dann wieder oben. Das ist normal. Gut, wenn man kindlich bleiben kann – nicht kindisch. Das Leben hält so viel bereit, und man braucht Niederlagen, um aus der matten Stille heraus die Energie wieder zu spüren. Die mutigsten Menschen sind die ängstlichsten – nur wenn man Todesangst kennt, kann man wirklich mutig sein. Niederlagen sind unheimlich wichtig, um zu überleben.

Haben Sie Möglichkeiten des Umgangs mit sich selbst gefunden, wenn es Ihnen schlecht geht?

Ich singe dann, höre Musik – da regeneriere ich mich. Meist kann ich in negativen Momenten "umschalten", auf eine andere Welt in mir. Ich lasse mich dann z.B. ganz auf ein Musikstück ein, werde von dieser dabei entstehenden Welt aufgesogen. Irgendwann ist man dann wieder auf den Beinen. Das Wichtigste scheint mir, dass man anderen Menschen zeigt, dass man verletzlich ist. Wenn man sein Herz nicht verbirgt, wenn man es auf der Hand trägt, wird nicht so oft darauf getreten. Die Gefahr getreten und verletzt zu werden ist größer, wenn man versucht sich zu verbergen.