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PETER KERN


INTERVIEW AM 20.4. 2002, HOTEL RÜTHI, ZÜRICH
MIT JHM

Nur im Chaos und im Ausleben jeder Sehnsucht kann wahre Liebe entstehen

 

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Wann hast Du zum ersten Mal Liebesschmerzen und Verzweiflung gespürt?

Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als ich zusammen mit meinem Freund Willi ein Mädchen kennen gelernt habe. Zu Dritt verlebten wir eine herrliche Zeit. Ich war in das Mädchen verknallt, nicht sexuell, aber sie war meine Jugendliebe. An einem Sommertag standen wir mit Tausenden anderen Menschen auf der Wiener Reichsbrücke und schauten in den Himmel. Es war ein Seil von der Urania (Sternwarte) bis zur Donau gespannt und der Trapezkünstler balancierte mit einer grossen Stange über das Seil. Er war der Vater des Mädchens. Plötzlich stürzte er ab - über dem Beton, nicht über der Donau. Das Mädchen stiess einen hysterischen Schrei aus, der uns alle bis ins Innerste berührte. Sie rannte wie eine Wahnsinnige hinunter und legte sich auf die Leiche ihres Vaters.
Da für mich Liebe immer das Glück des Anderen bedeutet, war es in diesem Augenblick der Schmerz. Ich empfand ihn sehr stark, vielleicht ebenso stark, wie meine Freundin. Der Schmerz des Anderen kann auch der eigene sein, wenn man liebesfähig ist, wenn man liebt. Es war die schmerzlichste Erfahrung, denn dieser Schmerz hatte etwas Endgültiges. Noch immer kann ich mir im Zirkus keine Trapeznummern ansehen. Ich habe eine Schmerzphobie - nicht lösbarer Schmerz, wie der Verlust eines geliebten Menschen durch den Tod, macht mir Angst.

Hast Du selbst Angst vor dem Sterben?

Ja, permanent und in jedem Augenblick. Der Tod ist ständig präsent und schaut um jede Ecke. Ich bekomme jedesmal einen halben Herzinfarkt, wenn Leute herkommen und mir sagen: "Mein Gott, Peter! Bist Du dick! Du musst auf Deine Gesundheit achten, sonst stirbst Du bald." Ich habe Angst vor dem Tod, denn ich fordere das Ewige Leben. Ich fordere das Ewige Leben im Diesseits, nicht nur im Jenseits. Das koptisches Kreuz, welches ich immer trage, beschreibt das Ewige Leben. Ich habe auch einen Film gedreht mit dem Titel "Suche nach Leben". Er handelt von einem Freund von mir, der im Sterben lag - ich habe aber einen Film über sein Leben gedreht - nicht über sein Sterben. Wir sind ständig umklammert mit den Bildern des Todes. Jeden Tag in den Nachrichten - die schrecklichen Bilder von Krieg und Hass und Tod.

Wie reagierst Du auf die Berichte über das gegenseitige Morden, wie es nun in Israel und Palästina stattfindet?

Ich halte es nicht aus. Es bereitet mir Schmerzen, denn wenn man versucht die Menschen zu lieben, und nicht nur die im unmittelbaren Lebensraum, dann fühlt man sich auch konkret für die Liebe verantwortlich, die nun täglich z.B. in Palästina stirbt. Was ist der Schmerz, den ich da täglich sehe und nicht begreifen kann, im Vergleich zu meinen persönlichen lächerlichen Liebesschmerzen? Der Andere interessiert mich mehr, als ich mich selbst. Wir müssen lernen, uns für Andere verantwortlich zu fühlen. Wir müssen den Schmerz in das Zentrum der Welt tragen, uns dem Schmerz stellen und liebesfähig werden. Es scheint das Problem unserer Welt zu sein. Die Frage ist doch: Ist jemand wie Herr Sharon liebesfähig? - Ich kann die Frage nicht beantworten, doch ich sehe seine Entscheidungen und Handlungen. Auf der anderen Seite: Wie liebesfähig ist jemand, der sich Bomben umschnallt und andere mit in den Tod reisst? Jemand, der die eigenen, unerträglich gewordenen Schmerzen auf Andere überträgt?

Was schmerzt Dich am meisten?

Meine alltäglichen Liebesschmerzen beginnen, wenn ich Unterdrückung, Ausbeutung und Erniedrigung spüre. Jedes Gesetz, jede Verordnung und Einschränkung verletzt mich zu tiefst. Gesellschaften, Staaten dezimieren Freiheit oft, um Machtstrukturen zu etablieren. Der Staat sucht Ordnung, statt die Freiheit auszubauen. Ich bin für das Lebenschaos. Nur im Chaos und im Ausleben jeder Sehnsucht kann wahre Liebe entstehen.

Welches sind Deine ganz persönlichen Liebesschmerzen?

Ich werde täglich erniedrigt und beleidigt auf grund meines Äusseren. Aber ich lasse es nicht mehr zu, dass ich dadurch verletzt werde.

Was schützt Dich?

Das Wissen, dass diejenigen, die andere verletzen, selbst meist verunsichert und nicht sehr stark sind und dass es eine menschliche Eigenart ist, auf grund der eigenen Schwäche, andere verletzen zu wollen. Ich fange die unschönen Bemerkungen über mein Aussehen, die mir begegnen, mit Humor auf und entziehe dem Absender damit die Beleidigung. Ich sehe mich als Clown in der Gesellschaft.

Du versuchst alle Menschen zu lieben und fühlst Dich mit ihnen verbunden. Bist Du zur Zeit auch in einen bestimmten, einen einzigen Menschen verliebt?

Ich bin sehr verliebt. Kennen gelernt habe ich ihn komischerweise über das Internet. Er ist unheimlich ehrlich und wir haben uns über das Schreiben einander genähert. Ich versuche ihn gerade zu erobern. Wir waren noch nicht im Bett, aber wir haben uns bereits getroffen. Deswegen bin ich aufgeregt. Fast so - oder noch mehr aufgeregt - als durch die Dreharbeiten zu einem neuen Film, über den ich lieber noch nicht erzählen möchte, weil er sicher viel bewegen wird und die Retrospektive von mir die bis Anfang Mai noch im Xenix Kino in Zürich läuft.

Hast Du Tipps bei Liebeskummer?

Da ich ein Reisender bin und überall mein Glück suche, würde ich gerne in Zürich leben. In dieser Stadt herrscht ein Gefühl des Aufbruchs durch den Einzug der "United Lovesick Society" mit "Lovepangs", an dem ich gerne teilnehmen möchte. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in Zürich, in der Schweiz in Massen in Euphorie geraten werden, um endlich zu klären, auf welcher Seite des Glücks sie stehen.