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ELLEN RINGIER

Anwältin, lebt in Zürich

INTERVIEW AM 22.3. 2002, 11.00 – 12.30, ZÜRICH, IM BÜRO VON FRAU DR. RINGIER
MIT JHM.

 

Zornig auf die Egoisten

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EllenRingier

 

Wie erlebten Sie den ersten großen Schmerz?

Ich war mit sechs Jahren in den Ferien in einem Kinderheim, fühlte mich dort schrecklich traurig und allein. Meine beiden Cousinen waren auch dabei und durch meine ältere Cousine wurde jede Nacht zur schrecklichen Qual. Wenn das Licht aus war und ich schlafen wollte, sagte sie jedes Mal, ich solle aufhören zu atmen, denn mein Atmen würde sie stören – ich sei zu laut. Ich versuchte nicht zu weinen, nicht zu atmen, lag völlig verzweifelt und stocksteif im Bett – ich dachte, ich würde es nicht überleben. Jede Nacht war voller Pein.
Ich glaubte dann, ich würde wirklich zu laut atmen und meine Cousine hätte das Recht, es mir zu verbieten.

Was bewirkte dieses Erlebnis?

Es ist symptomatisch für mich, dass ich unheimlich weit gehe, um andere zufrieden zu stellen. Erst als ich nach einem Unfall selbst körperliche Schmerzen bekam und nicht mehr konnte, begann ich, mich nicht ständig zurückzunehmen.
Ich tue gerne alles für die Menschen um mich, damit sie es gut haben. Vielleicht laufe ich einem Idealbild hinterher, doch ich möchte gerne alles schön und richtig machen. Es enttäuscht mich, wenn ich spüre, dass es umgekehrt oft anders ist – dass andere ihre Ansprüche einfach durchsetzen und keine Rücksicht nehmen und für mich nicht tun, was ich versuche für sie zu tun. Es entsteht so ein «Defizit» und ich fragte mich lange, was ich falsch mache, ob ich nicht normal sei. Das hat sich durch eine Gesprächstherapeutin verändert, die mir nach jeder Sitzung sagte, ich solle da in die Welt hinausgehen und mir klar machen, dass meine Lebenshaltung die eines normalen, warmherzigen Menschen sei, und dass ich die Fehler nicht ständig bei mir suchen, sondern begreifen solle, dass andere manchmal gefühlskalt und rücksichtslos sind.
Mein Leben ist dadurch konfliktreicher geworden, da ich meine Meinung nun lauter kund tue, Verletztheit und Enttäuschung auch zeige. Deshalb passen die Buttons «pain» und «rage» am besten – ich schwanke oft zwischen Schmerz und Wut.

Was war Ihr bisher schlimmster Liebesschmerz?

Ich wurde von meinem ersten Freund, den ich mit 16 sehr geliebt habe, von einem Tag auf den anderen verlassen. Wir waren eineinhalb Jahre zusammen und sehr verliebt. Er gehorchte seiner Mutter, der unsere Verbindung nicht gefiel und die Angst hatte, es würde zu ernst zwischen uns werden. Sie war der Meinung, ich passe nicht in ihre Familie, denn meine Mutter sei Ausländerin und nicht katholisch - ich sei daher «nicht gut genug».
Das im Luzern der 60er Jahre! Ein Jahr lang weinte ich jede Nacht. Ich versuchte auch zu verstehen... Dieses Erlebnis, so verlassen zu werden, nicht gut genug zu sein, erschütterte mich so sehr, dass ich mir schwor: «Das passiert Dir nie wieder.» Ich wollte niemanden und nichts mehr an mich ranlassen, ohne selbst die emotionale Kontrolle zu behalten. Ich weiss, dass ich damals ein Türchen zugemacht habe. Nun sind meine Türen immer noch sehr weit offen, doch dieser Schmerz hat mich härter gemacht.
In der Zeit danach hatte ich häufig wechselnde Freunde. In Liebesbeziehungen behielt immer ich die Tatherrschaft - sobald was nicht mehr völlig in Ordnung war, ging ich. Das änderte sich erst, als ich Michael kennen lernte. Ich war 21 und meine Mutter meinte, er sei zu nachgiebig und anständig für mich – ich würde ihn emotional überrollen. Nun sind fast 29 Jahre vergangen und wir lieben uns immer noch. Mit allen Hochs und Tiefs ist es eine starke Verbundenheit.

Wie fühlen Sie sich heute?

Gleichzeitig traurig und wütend, denn ich bin nun 50 und realisiere, dass ich immer weniger Menschen treffe, die für sozialen Ausgleich eintreten. Heute habe ich wieder zu spüren bekommen, dass viele knallhart nur auf sich selbst konzentriert sind. Sie ernten die Früchte einer Gesellschaft, die keine grossen Spannungen kennt, wo sie in Ruhe ihren Reichtum geniessen können – doch für alle, die viel weniger oder nichts haben, wollen sie kaum was tun. Teilen wollen sie nicht. Das verursacht mir «pain», macht mich wütend.