INTERVIEW AM 25.
JUNI 2002 IM THEATERCAFE-RESTAURANT-ZIGARRENCLUB, WIEN
MIT CB
Ich
dachte bis zuletzt, es passiert noch ein Wunder.
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Wann hat sich Dein Herz
zum ersten mal schlimm angefühlt?
Es war in der Frühpubertät, ich war zum ersten mal richtig
verliebt. Ich wollte herausfinden, was Liebe ist. Ich getraute
mich nicht, dieses Mädchen zu küssen und saß nur
stundenlang neben ihr am See.
Man nimmt dann einen Stein in den Mund lutscht an ihm herum und
sagt: „Mmhhh, der schmeckt gut, so glatt und angenehm...“ Das
Mädchen macht dann das Gleiche und nimmt auch einen Stein
in den Mund. Eigentlich würde man sich viel lieber küssen.
Dann geht man ungeküsst nach Hause und leidet an seiner unerfüllten
Liebe.
Bist Du ein Romantiker?
Ja das bin ich und ein Großer.
Was war Dein schlimmstes Schmerzerlebnis?
Es gibt diese besondere Liebe zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter
zu verlieren, dieser Schmerz begleitet mich immer noch. Wenn ich
heute in einer Gartenbeiz sitze und eine Mutter mit ihrem Sohn
beobachte, wird mir wieder bewusst, was ich verloren habe. Oder
an Weihnachten, immer bleibt dieser eine Stuhl leer- jedes Jahr.
Ich komme aus einer Familie, wo man sich nicht vorstellen kann,
dass ein Familienmitglied als Künstler erfolgreich sein
könnte und Geld damit verdienen kann. Meine Mutter konnte
meinen Erfolg nie erleben. Heute würde ich sie gerne auf
eine Woche Urlaub einladen, mit dem Geld, dass ich als Künstler
verdiene. Meine Mutter war Hausfrau mit einem kleinen Budget
Haushaltsgeld vom Vater. Wenn sie was übrig hatte, dann
kaufte sie sich einen Rock und hat sich total gefreut. Ich würde
ihr heute gern so einen „Jupe“ kaufen. Aber das geht
nicht mehr, das sind immer wieder schlimme Schmerzen.
Was ist mit Deiner Mutter passiert?
Sie hatte eine sehr seltene Krankheit. Sclerotermie.
Die Forschung darüber ist sehr schlecht. Über den Muskeln ist ein Bindehautgewebe,
das mit der Zeit hart wird. Am Anfang kann man die Finger nicht
mehr bewegen und die Socken nicht mehr selber anziehen. Man wird
langsam immer mehr behindert, bis diese Krankheit auf die inneren
Organe übergeht. Alles verhärtet sich. Der Darm hat dann
nicht mehr gearbeitet und meine Mutter ist verhungert. Sie hat
drei Jahre mit dieser Krankheit gelebt.
Wie ist die Familie mit dieser Situation umgegangen?
Wir wollten, dass unsere Mutter zuhause
ist, nicht in einem Heim oder in einem Krankenhaus. Wir begannen
uns in der Familie zu organisieren.
Ich fuhr jeden Tag mit ihr ins Spital und wartete in der Cafeteria
auf sie und brachte sie wieder nach Hause. Die Arbeit, die man
als Pfleger übernimmt, wird mit der Zeit immer intensiver,
man beginnt das alles schnell zu lernen. Mein Vater kümmerte
sich in der Nacht um sie und ich war dann auf der Bühne, musste
die Leute zum Lachen bringen. Am Morgen ging ich wieder zur Mutter
und es ging weiter.
Warst Du bei ihr, als sie gestorben ist?
Ich war mit ihr alleine, neben ihrem Bett,
als sie gestorben ist. So etwas vergisst man nie mehr in seinem
Leben. Ich dachte bis zuletzt, es passiert noch ein Wunder.
Du hast bis zum letzten Moment gehofft, dass sie weiterleben wird?
Ja man sitzt vor der Mutter, und sieht wie
der Atem immer schwächer
wird und hofft, es wird wieder besser und plötzlich hört
er auf.
Was ist in dem Moment in Dir vorgegangen?
Ich begann zu weinen. Ich war zuerst enttäuscht, dass das
Wunder nicht eingetreten ist und verzweifelt. Ich begann mich zu
fragen, was mit ihr jetzt geschieht. Wenn man jemanden liebt, versucht
man an ein Leben danach zu glauben, Ich versuchte mir vorzustellen,
wo sie jetzt ist und wie sich das anfühlt.
Welche Vorstellung hat Dir dann geholfen?
Ich glaube heute daran, dass meine Mutter in mir weiterlebt und
ich in ihr.
Deine Mutter wurde immer mehr zu einer behinderten Person, welche
Erfahrungen hast Du mit dem Umfeld, das mit Ihrer Behinderung konfrontiert
wurde gemacht?
Wenn jemand am Tisch sitzt und behindert
ist und man spricht nie über
seine Behinderung, dann ist das eine Form von Rassismus. Man schließt
etwas ganz wichtiges von dieser Person aus und dadurch wird diese
Person nicht ernst genommen. Man muss diese Behinderung integrieren
und sei es durch eine Portion Humor.
Wie konntest Du die Behinderung Deiner Mutter in Dein Leben integrieren?
Ich habe Ihr meine Zeit geschenkt und war
immer für sie da.
Diese Zeit habe ich mir genommen. Ich stehe heute da und kann sagen,
ich habe die bestmögliche Form gefunden, sie zu begleiten.
Ich habe diese Zeit genutzt. Obwohl es eine sehr schmerzhafte Zeit
war, hat sie mich sosehr bereichert.
Man lernt das Leben kennen, aus der Sicht einer Behinderten.
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