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CHRISTOPH SCHLINGENSIEF

 

AUF EINEM CAMPINGPLATZ IM SÜDTIROL, OSTERSONNTAG.
MIT CMB

 

 

Ich simuliere die Geborgenheit.

 

 

 

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ChristophSchlingensief

Was war dein erster großer Liebesschmerz?

Meine Geburt, die Trennung von meiner Mutter. Die Verabschiedung aus der vollkommenen Geborgenheit, der erste Arschtritt in eine von mir nicht gewünschte Selbstständigkeit. Ich musste selbstständig kacken, dass musste ich im Bauch meiner Mutter nicht. Diesen Schmerz der Selbstständigkeit habe ich umgebaut in ein Glücksgefühl – in meine Kreativität. Jetzt bleibt die Frage, ob der Schmerz selbstständig zu werden,  ein Glück war oder Selbstbetrug?

Niemand kann sich an seine Geburt erinnern.

Mein Bauchnabel erinnert mich immer wieder an diese Frage.

Wie gehst du mit diesem Schmerz heute um?

Die Geborgenheit ist ein Hirngespinst, sie wohnt als tiefe Sehnsucht in mir. Selbst Eltern können nur eine Ersatzgeborgenheit erzeugen. Familie, Beruf, Freizeit etc sind für mich Hilfsmittel um Geborgenheit zu simulieren.

Wie simulierst du Geborgenheit?

Ich habe keine Simulation gefunden, um das zu befriedigen, was in meinem Herzen ist. Sowie Jesus sagt: „ich bin der, der ich bin“. Das ist vollkommen und in unserer Gesellschaft nicht möglich. Wie kann ich in einer Gesellschaft, die so tut, als könnte man sich in ihr getrost glücklich fühlen einen ehemals vollkommenen Zustand simulieren oder wieder herstellen? Welche Möglichkeiten bleiben mir, wenn ich den Zustand des sogenannten Nichts simulieren will?:
a) ich werde lethargisch
b) ich werde fatalistisch
c) ich kämpfe trotzdem
Ich habe mich für c) entschieden.

Was meinst du mit dem Nichts?

Das Nichts ist das mit sich selbst auskommende, das nichts braucht, um sich selbst zu bestätigen. Nicht zu verwechseln mit Selbstverliebtheit.
Man macht sich doch vor, dass das Nichts der größte Begriff der Geborgenheit ist. Der Druck aus dem Nichts, ein Etwas zu machen ist nicht freiwillig entstanden. So sucht man dann zum Beispiel einen Partner, der einem den Druck etwas sein zu müssen nimmt. Die Chance in einer Partnerschaft zu diesem Nichts gemeinsam zu kommen ist größer, als sich durch Reichtum, Aktien etc ein Etwas zu simulieren. Wenn ich mit einer Partnerin zusammen bin,  der auch in ihrem Kern dieses Nichts bewusst ist, kann aus diesem Nichts etwas Positives werden . 22 Jahre nach der Trennung von meiner ersten große Liebe, sieht es so aus, als sei es ein Glück, dass diese Beziehung zu Ende war. So wie es mir heute vorkommt, war die vermutete Geborgenheit leider keine. Was wäre wohl aus mir und meinem Glück geworden wäre, wenn wir uns nicht getrennt hätten?

Wo nimmst du die Energie für deinen Kampf her?

Es ist die Angst, ausschließlich an meiner eigenen Lebenslüge zu verrecken..