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ERSCHIENEN IM SONNTAGSBLICK-MAGAZIN, AM 29.9.2002
Die Wiener Künstlerinnen Carmen
Brucic und Jeanette Müller wollten mit ihrem Projekt «Lovepangs» den
Herzschmerz auch in der Schweiz zelebrieren. Jetzt müssen
die Botschafterinnen der Liebeskranken Gesellschaft ihre Mission
vorzeitig abbrechen.
VON HELENE AECHERLI
Liebesqualen sind so universell wie Hunger und
Durst. Diese Gewissheit ist die Basis für «Lovepangs»,
das multimediale Kunstprojekt zur Thematisierung des Herzschmerzes.
Im März hielten Carmen und Jeanette in der Schweiz Einzug,
im November wollten sie «Lovepangs» mit einem Kongress
für Liebeskranke einen Höhepunkt bescheren. Nun wird
das Happening aus finanziellen Gründen abgesagt - den Sponsoren
stand der Sinn nicht nach Liebeskummer.
Was geht euch durch den Kopf?
Jeanette Müller: Dass Idealismus, Engagement und der Wunsch, mit
einer Idee etwas bewegen zu wollen, wohl oft zur Selbstausbeutung führt.
Carmen Brucic: Der Zahlenkatechismus.
Was ist schief gelaufen?
Jeanette: Sponsorengelder sind heute kaum zu bekommen. Die Wirtschaft
ist nicht auf der Höhe, Geld für Kunst und Kultur wird eingespart
oder ist in die Expo.02 investiert worden. Wir hatten Partner wie das
Migros-Kulturprozent, Ringier und «Hiltl»/«Tibits».
Sie waren die Einzigen, die von Anfang an bereit waren, die Aktivitäten
von «Lovepangs» finanziell zu unterstützen. Und das
Schauspielhaus unterstützte uns durch Sachleistungen.
Für euren Kongress in Berlin hat Regisseur Christoph
Schlingensief eine «Lovepangs»-Oper inszeniert. Fehlte
ein solches Aushängeschild?
Jeanette: Schlingensief hat die Volksbühne in Berlin und den Hauptstadt-Kulturfonds
mit seinem Interesse an «Lovepangs» angesteckt. Aber der
Kongress in Berlin stand für sich selbst, und das wäre auch
in Zürich so gewesen. Ich glaube nicht, dass ein grosser Name uns
hier vor finanziellen Absagen bewahrt hätte. Der Kongress hätte
im Schiffbau stattgefunden. Hat die enge Verbindung zum Zürcher
Schauspielhaus Sponsoren abgeschreckt? Jeanette: Das Problem war, dass
viele Sponsoren bereits das Schauspielhaus unterstützen, und da
der Kongress unter dessen Dach über die Bühne gehen sollte,
wollten sie nichts mehr geben. Sie empfanden es als doppelte Finanzierung.
Da half es nichts, dass wir eine freie Produktion und nicht ans Schauspielhaus
gebunden sind. Ein Projekt zu beerdigen tut weh.
Was schmerzt am schlimmsten?
Jeanette: So vielen Menschen absagen zu müssen. Die Pläne,
an denen lange gearbeitet wurde, nicht sichtbar machen zu können.
Es tut weh, wenn man dann vor der Tatsache steht: Es ist nicht machbar,
wir sind finanziell und kräftemässig am Ende. Carmen: Mich
schmerzt, dass es keinen Höhepunkt geben wird. Wenn man lange auf
einen bestimmten Zeitpunkt hinarbeitet und diese Arbeit dann nicht zeigen
kann, fehlt einem das Ventil für die Energie, die man in diese Arbeit
gelegt hat, die Belohnung. Ein Spannungsbogen hat sich aufgebaut, das
Kraftfeld wächst. An so einem Abend darf man zeigen, was man monatelang
vorbereitet und erarbeitet hat. Wo ich dieses Ventil jetzt für mich
finde, weiss ich noch nicht.
Wie geht ihr mit dem Schmerz um?
Jeanette: Ich bin nicht zerstört, bin gesund, nicht uralt, lebe
in friedlichen, eigentlich reichen Ländern - und vor allem: Es gibt
gute und liebe Menschen um mich herum - alles Gründe, den Mut nicht
sinken zu lassen. Carmen: Ich kann den Schmerz noch nicht einordnen.
Ich habe noch zu viel mit der Schadensbegrenzung zu tun, und wenn ich
darüber rede, gerate ich oft in Wut. Verzweifelt bin ich nicht.
Den Schmerz bewältige ich mit der Strategie, mir woanders Erfolgserlebnisse
zu suchen. Ich werde viel schreiben und das Erlebte dokumentieren.
Was ist die Zukunft von «Lovepangs»?
Carmen: Die Informationen und Rubriken auf Radio 24 werden weiterhin
ausgestrahlt, und der TV-Sender Viva Swiss wird «Lovepangs»-Wochen
machen. Eventuell können auch die «Lovepangs Summits» im
Jazzclub Moods weiterhin monatlich stattfinden und die «Lovepangs»-Lese-Lounges
realisiert werden.
Wie sehen eure Pläne aus? Jeanette: Carmen und
ich gehen zurück nach Berlin beziehungsweise Wien und arbeiten
daran, die finanzielle Misere zu beheben und uns neu zu orientieren.
Wir hoffen, dass sich für «Lovepangs» in
der Schweiz Botschafter finden, die es weiterführen. Wir sind
ja nicht die Einzigen, die Liebesschmerzen kennen.
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