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Liebestalk bis zur Schmerzgrenze (FAZ, 1.12.03)

27. November 2003 „Junge, jetzt wird's eisenhaltig!“ Mit diesen vielversprechenden Worten überschreibt der „Stern“ an diesem Donnerstag die Mitschrift eines Rededuells, in welchem er zwei schon aufgrund der Körpergroße höchst unterschiedliche Christemokraten aufeinanderhetzt: Friedrich Merz und Norbert Blüm.

Ganz so eisenhart geht es im Gespräch dann doch nicht zu. Zwar sind die beiden christdemokratischen Streithähne in nahezu jedem sozialpolitischen Bereich anderer Meinung, sie gehen aber pfleglich miteinander um. Blüm bezeichnet seine früher über Merz geäußerte Bemerkung, jener sei „hergelaufen“, als „etwas flapsig“, und Merz bekundet: „Geschenkt.“ Gleichwohl ist es den beiden Politikern nicht zu albern, dem anderen auf den dazugehörigen Fotos mit der Faust zu drohen (Blüm) oder ihn am Jackett zu packen (Merz). Härtere Geschütze fahren beide in diesem Gespräch nur über Abwesende auf: „Was Scharon macht, ist aus meiner Sicht ein Verbrechen“, wiederholt Blüm seine frühere Kritik am israelischen Ministerpräsidenten, und Merz fügt hinzu: „Man kann also Scharon hart kritisieren und kann auch Herrn Friedman für einen unerträglichen Menschen halten. Aber das alles hat mit Antisemitismus nichts zu tun.“

Schmerzkapitale Frankfurt
Daß Friedrich Merz ihn unerträglich findet, Michel Friedman wird es verschmerzen. Wie er ja zuletzt schon einiges ausgehalten hat. Insofern ist er tatsächlich der ideale Teilnehmer an einem Kongreß in Frankfurt an diesem Wochenende, auf den voll Erstaunen die lokale „Bild“-Ausgabe hinweist: den Liebesqualen-Kongreß Schmerzkapitale FFM 03. „Ein Happening von Carmen Brucic, das nach einer Binsenweisheit funktioniert: Wer über Herzeleid, unerreichbare Sehnsüchte und sonstige Wehwehchen frohgemut plaudern kann - kann sie auch heilen.“ Auf der Homepage der „United Lovesick Society“, die den Kongreß ausrichtet, erfahren wir mehr. „Die United Lovesick Society ist die Gesellschaft der Liebeskranken. Alle Menschen kennen Liebesschmerz, den Schmerz, wenn man nicht lieben und leben darf oder kann, wie man gerne möchte, wenn das Herz und die Seele weh tun. Dieses Empfinden verbindet ALLE!“, heißt es hier. Die„Lovepangs“-Bewegung, nach dem englischen Ausdruck für Liebesschmerz, versteht sich als Revolution und Friedensprojekt, als Kunst und Kommerz, Sehnsucht und Politik.

Vier Schmerzstufen
Der Besucher des Kongresses kann wählen zwischen vier Schmerzstufen, die da lauten: „Pain“ (großer Schmerz, Trauer, Hoffnungslosigkeit), „Rage“ (Wut, Aggression), „Resent“ (Groll, Versuch der Neuorientierung) und „Over“ (Abschied vom Schmerz, das Herz weit offen). Das „Herzstück“ des schmerzlichen Zusammentreffens ist die „Tischgesellschaft“, an der mehr als hundert „Schmerzexperten“ teilnehmen und den Besuchern „zu intimen Zweiergesprächen zur Verfügung stehen“. Mit der Theologin Uta Ranke-Heinemann etwa kann man sich über „Liebe und Sexualität“ unterhalten, mit dem Schauspieler Sepp Bierbichler über den „Schmerzschrei in der Spaßkultur“ und mit Christoph Schlingensief über den „Schmerz, aufs Pferd zu steigen, wenn man gerade runtergestürzt ist“. Das alles mag sehr lehrreich und interessant sein, „Bild“ aber interessiert sich - und wir können es ihr nicht ganz verdenken - vor allem für zwei „Schmerzexperten“: den schon erwähnten Michel Friedman sowie Bärbel Schäfer, die gerade wieder Fernsehmoderatorin ist und, schon seit längerem, Friedmans Lebensgefährtin. Über ihre Beziehung sind wir teilweise auf dem laufenden, folgte doch auf Friedmans öffentliche Entschuldigung nach seinen Eskapaden die öffentliche Vergebung durch Schäfer. Schmerzlich war die jüngste Zeit für beide fürwahr, um so verblüffender ist es, worüber sie beim Schmerzkongreß - wenn auch nur im „intimen Zweiergespräch“ - offen reden möchten: über die Liebe.

Über die Liebe
„Herz- und Liebesschmerz - Liebesfähigkeit entwickeln in einer kranken Gesellschaft“, lautet das Thema Bärbel Schäfers, die schon in der ARD mit ihrem„Wellness-TV“ jenes Wohlgefühl wiederzuherstellen versucht, das sie selbst uns mit ihrem Krawall-Talk früherer Jahre gründlich ausgetrieben hat. Friedman macht es pointierter: „Über die Liebe“ heißt sein Thema. Mit ihrem privaten Glück oder Unglück mag das wenig zu tun haben, doch wer, der mit ihnen den Zweiertalk sucht, würde nicht daran denken?
In diesem Zusammenhang ist es pikant, welche „Schmerzstufen“ die beiden sich selbst diagnostizieren. Michel Friedman, der sich in diversen Talkshows über seine leidvollen Erfahrungen ausgesprochen hat, erklärt seinen eigenen Schmerz nunmehr für „Over“: Sein Herz ist wieder „weit offen“. Nicht so Bärbel Schäfer: Sie stuft ihre Seelenlage als „Resent“ ein, was „Groll, Versuch der Neuorientierung“ bedeutet. Das läßt nichts Gutes ahnen.