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Tausche Wut gegen Schmerz (FAZ, 01.12.03, Rainer Schulze)
Wenn es weh tut: Lovepangs-Kongreß im Schauspiel Frankfurt

Vor der Bürokratie ist niemand gefeit. Selbst für Trennungsschmerz und Heimweh gibt es jetzt eine Behörde. Ein „Amt für Liebesleiden" oder eine „Schmerzverwaltung" sind überflüssig, denn dafür sorgt der „Lovepangs-Kongreß". Von der Schmerzkommission bis zur Schmerzfiliale
- echten Behördencharme versprühte der zweite Liebesschmerzen-Kongreß im Frankfurter Schauspielfoyer. Auch eine Strategie: den Schmerz verwalten, messen, analysieren, um ihn zu besiegen.
Im betont teilnahmslosen Flughafen-Tonfall säuselt die Terminalstimme durch die Gänge: „Meine Damen und ;Herren! Wir möchten Sie darauf aufmerksam ,machen, daß Ihre Gesprächszeit in fünf Minuten endet. Bitte bringen Sie Ihr Gespräch zu einem erfreulichen Ende." Ein letztes Seufzen, Händeringen, hier und da ein verständnisvolles Nicken oder ein skeptischer Blick. Dann Stühlerücken, Händeschütteln. Dankeschön, das war's. 30 Minuten dauert jede Sitzung. Die „Tischgesellschaften" sind das Herzstück des Kongresses. Zur Blitztherapie geladen -haben Schlingensiefianer, Frankfurter Promis, Autoren, Schauspieler, Theologen, ein Punk, ein Porno-Regisseur und ein Gärtner-Azubi. Wenn sie nicht, wie Michel Friedman und Bärbel Schäfer, überraschend abgesagt haben. Kurzfristig. ; Wegen Krankheit.
Inmitten der Wolke aus Gesprächsfetzen und Zigarettenrauch sitzt Alexander Beyer („Sonnenallee", Good Bye Lenin") an seinem Zweiertischchen, und.., . schürt Haß:
Der andere ist der Feind", 'den, es, wenn schon nicht zu vernichten, so doch zu ignorieren gelte. Hat er einem nicht immer nur im Weg gestanden? Seine Empfehlung nach der Trennung: Reisen. „In New York am Broadway gibt es doch diesen geilen Club. Oder nach Berlin oder Dresden." Ob hölzern und verkrampft oder angeregt und entspannt - wie sich die inszenierten Dialoge entwickeln, ist der Chemie zufälliger Konstellationen überlassen. Dabei muß das Thema nicht immer die Liebe sein.
Schmerz ist dehnbar. Kriminalhauptkommissarin Uta Straub erzählt, wie sie mit der Konfrontation mit jugendlichen Mordopfern fertig wird. Und mit dem Attac-Sprecher Michael Friedrich läßt sich diskutieren, ob „politisches Bewußtsein am Rande der Schmerzfreiheit", also in Zeiten der Gleichgültigkeit und allgemeinen Lethargie, noch möglich ist. Über die Tête-à-têtes mit wildfremden Schmerzexperten hinaus gibt es beim Kongreß für alle Liebenden jedoch noch soviel anderes, daß einem der Kopf ein wenig schmerzt. Im Parterre spielen Bands, zwischendurch hält Uta Ranke-Heinemann einen Vortrag über „Meine lange Suche nach dem Glück", und dann gibt es ja auch noch Schmerzfilialen, das Schmerzkomitee, die Schmerzbörse und Schmerzcocktails. Mit einem Batzen Lovepangsdollar, einem farbigen Schmerzstufen-Button am Kragen und einem Programmheft in der Hand geht es hinein ins Kuddelmuddel der Schmerzenswelt. Viele Reize, viel Durcheinander - vielleicht analog zum Chaos im gebrochenen Herzen.
„ 55 Lovepangsdollar zum ersten, zweiten und zum dritten" - die Leidenschaft des japanischen Popstars Sachiko Hara-Franke wechselt symbolisch als Aktie an der Schmerzbörse den Besitzer. Sein Kontingent an Dollar kann man am Lügendetektor aufstocken: „Sind Sie verliebt?", „Bekommen Sie das, was Sie verdienen?" - wer da ehrlich bleibt, kann mit dem Geld um sich werfen oder an die Schmerzbörse gehen, um eine Schmerzstufe zu tauschen oder zu erwerben. Dort sind die Kurse der Befindlichkeiten notiert. Besonders teuer: die Over-Aktien. Denn raus aus der Krise wollen sie alle.