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Vier Experten geben Auskunft wie es war,...(Frankfurter Rundschau, 02.12.03, Peter Michalzik)

Zwei Abende lang hat der Schmerzkongress "Lovepangs" der Künstlerin Carmen Brucic im Schauspiel Frankfurt getagt. Unter anderem waren rund 100 Schmerzexperten eingeladen, unbelauschte Zwiegespräche mit Zuschauern zu führen. Vier der Experten geben nun in der FR Auskunft.


JOSEPH BIERBICHLER, "More Pain"


- Vorher.
Geheuer war mir die Geschichte nicht. Weil man sich kennt und mag, sagt man aus Freundschaft ja. Doch warum sollt ich ein Experte sein? Und woher wollen andre wissen, dass ich einer sei? Und leidet nicht, wer unter etwas leidet, geradezu an einem Mangel an Expertentum? Oder schenkt erlittenes Leid die Fähigkeit zu ungetrübtem Glück? Gut: Ein gebranntes Kind das scheut das Feuer heißt es. Aber lässt sich so etwas auch lehren? Müssen denn - grad beim in postmodernen Lebensschulen schon längst nicht mehr als Pflichtfach vorgesehnen Thema Schmerz - nicht alle uns vom Leben aufgezwungenen Erfahrungen allein und selbst durchlitten werden? Schwer zu sagen, ob das stimmt, und ob nicht doch vielleicht die Fähigkeit, aus fremdem Schmerz zu lernen, unerlässliches Geschick für jegliche Entwicklung ist. Aber schon die Liebe wieder fände gar nicht statt, wäre ihr das Leid nicht immanent, und jegliche Erfahrung feind. Lauter ungeklärte Fragen. Und die gerade trieben mich dann doch in den Kongress.
- Nachher.
Keine der von mir an mich gestellten Fragen wurde auch nur ansatzweise vom Kongress gelöst. Aber in den Räumen des Frankfurter Theaters hat sich in den paar Stunden, die ich dort verbrachte, eine Atmosphäre breit gemacht, wie ich sie in einem Theater lang nicht mehr erlebt habe. Vielleicht nie. Aktive und passive Theaterbesucher saßen einander gegenüber - wie immer. Aber nach und nach durchbrachen sie die Trennungslinien und tauschten Jedes mit dem Andern ihr Vermögen aus. Ein erstaunlicher Theatermoment. Und niemand wusste mehr, wer nun jeweils der Experte war.
Gehen nicht Lust und Leid genauso ineinander über? More pain, forderte der Amerikaner vom Oberammergauer Herrgottsschnitzer, bei dem er eine Pietà bestellt hatte. More pain in her face! Und als darauf der Oberammergauer Meister sein Messer nochmal ans Gesicht der Schmerzensmutter setzt, um dem Wunsche seines Kunden zu genügen, erstarrt er nach dem dritten Bogenschnitt zu Holz, sprach zuvor jedoch / den letzten Satz noch: Kruzifix, jetzt lacht sie doch! Schauen Sie beim nächsten Ficken Ihrem Partner beim Orgasmus ins Gesicht. Ich verspreche Ihnen: Sie sehen eine Pietà! Und haben Ihren eignen-hausgemachten Schmerzkongress.


ISABELLE AZOULAY, "Keiner beißt"


Allem Weh zum Trotz sind viele gekommen. Skeptisch, zurückhaltend oder offensiv, es schwimmen Leute in dieses Schauspielgebäude rein - wache Blicke, Neugier. "Darf ich Sie fragen, in welcher Verfassung Sie sind?" "Gemischt bis schlecht." Ich kann über meinen Schmerz sprechen, also bin ich. Niemand weiß, was ihn erwartet. Eine unbändige Bereitschaft über Intimität zu sprechen wirkt ansteckend. Erhobenen Hauptes über Unsicherheit, Scham, Verletzung sprechen. Schau her, ich leide, und während ich spreche, tut es weniger weh, denn Du hörst zu. Die breiten Straßen der romantischen Träume sind voll von enttäuschten Frauen und Männern. Die Umklammerung der Lust ist längst als heikel entlarvt. Das Ich zeigt sich verloren und heute Abend will die Scheu, es zu offenbaren, abgelegt werden.
Das Selbstgespräch der Seele kracht aus seinem Korsett. Im Einzelgespräch können sie die Sache ertasten - vor einem Fremden, der zuhört. Die Berechenbarkeit kann an der Garderobe abgegeben werden. Die Fantasie neckt uns abermals, aber heute Abend kann man Tacheles sprechen. Rien ne va plus. Dass das Laster mehr Menschen glücklich macht als die Tugend, ist nicht mehr das Thema. Der andere bleibt unerreichbar und rätselhaft. Was nun? Traurige Bilder tanzen Eros auf der Nase rum. Im Gewühl der Suchenden wird es im Laufe des Abends entspannter. Keiner beißt. Mit dem Gefühl, einsam zu sein, muss man weder in die Knie noch auf die Barrikaden gehen. Für eine Nacht ist das gemeine Lied der Liebe gezähmt. Und eins noch: Zynismus ist nicht nur out, es ist Zeitverschwendung.


CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, "Nach Luft suchen"


Im vergleich zum berliner schmerzkongress vor fast 3 jahren hat sich etwas getan. Die leute sind ängstlicher geworden, sie schleichen ums haus. Schmerz ist ihr thema, aber sie schleichen erst mal ums haus. Alles begann sehr leise und wurde dann langsam lauter. In berlin damals war es mehr jahrmarkt, rummelbude, tralala. In frankfurt ist es angst, zögern, nach luft suchen. Das war für mich das eigentliche ereignis der zwei tage. Drei jahre genügen, um etwas mehr zu wollen als unterhaltung. Alle meine gesprächspartner an den zwei tagen waren - bis auf einen, der vor lauter aufregung gar nicht reden konnte -, daran interessiert, ihre beziehungslage zu rekonstruieren. Vor drei jahren war es eher ein Dekonstruieren. Jetzt, wo uns die polititische situation mit ständig neuen verwirrungen von uns ablenken will und uns nach den anschlägen in istanbul bereits der arsch brennt, scheint es ein verstärktes bedürfnis zu geben, kurz vor dem supergau noch mal nachzuprüfen, was der familiäre kontext ist, aus dem wir kommen. Vielleicht hat mir der kongress deshalb besser gefallen als der in berlin, weil er mir das gefühl gegeben hat, dass es ein urbedürnis nach familiärer klärung gibt, und dass dieses bedürfnis wahrscheinlich die einzig relevante verbindung zu anderen kulturen darstellt, weil dort genau dasselbe bedürfnis existiert. In berlin war die schmerztherapie nur ein marktwirtschaftlicher gedanke von zwei hippiemädchen. In frankfurt wurde es plötzlich zur wahrheit


BAZON BROCK, "Pathosformeln"


Auffällig: man hat sich als Opfer darzustellen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Es herrscht geradezu Wettbewerb um den Opferstatus. Leiden legitimieren Ansprüche. So 1945: alle waren Opfer der Nazis, kaum einer Täter - und wenn, dann nur als zur Tat gezwungenes Opfer. So heute: Kettenraucher sind arme Opfer der Tabakwerbung; Pornografiekonsumenten arme Opfer der Pornografieproduzenten, und Politiker oder Wirtschaftsbosse geben sich als arme Opfer der Konjunktur, der Börse, der Globalisierung, der Medieninszenierungen, des Sozialneides. Eine großartige Opferrolle, mit Abermillionen Abfindungen als unschuldige Lämmer auf die Privatweide zu wechseln, sobald angeblich die böse Konjunktur oder die Globalisierung die Macht übernehmen. Zumindest diese Herrschaften wollen sich durch ihre Opferrolle von Verantwortung entlasten. Gilt das generell? Immerhin diskutieren Hirnforscher ganz ernsthaft unsere prinzipielle Abhängigkeit von der Eigendynamik des Gehirns: Der Mensch denkt, aber das Gehirn lenkt? Auch Gewalttäter nur arme Opfer vor Gericht? Leiden als Legitimation sollte uns als heikle Strategie erinnerbar sein. Gerade Christus wollte Schluss machen mit den barbarischen Praktiken, das Ertragen oder Zufügen von Leiden als Beweis der Glaubensstärke auszugeben. Mit dem Foltertod am Kreuz sollte das tierisch-kreatürliche Leiden beendet sein durch den Wechsel von der physischen auf die symbolisch-spirituelle Ebene. Dafür entwarfen Schriftsteller und Maler die Beispiele. Wem Lottchens Liebe versagt bleibt, schreibt einen Werther, anstatt sich dämlich zu entleiben. Liebesleiden war unter zivilisierten Menschen nur noch als literarischer Topos zugelassen. Außerhalb der Literatur, Musik und Kunst war Leiden gar nicht mehr möglich.
Dann aber der Zivilisationsbruch: Wertherleser begehen Selbstmord, Horrorfreaks stürmen die Klassenzimmer, Opernliebhaber verwechseln die Bühne mit dem Schlachtfeld - statt Wagnerei mit Weiherummel Hitlerei auf den Straßen, statt Erlösung aus dem natürlichen Tod der Menschen die systematische Endlösung durch Vernichtung. Für solches Leiden gab es lange kaum Formen der Erfahrung und Darstellung. Also blieb es unfassbar. Seine mähliche Überführung in Literatur sollte das stärkste Mittel unserer Rezivilisierung sein: statt Steinigung von Menschen tierische Sündenböcke, statt realer Opferlämmer geweihte Oblaten, statt dogmatischer Überzeugungen die Placebos und Phantasmen der Künste.