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Leiden im Medienzeitalter (Leid-Artikel)

Die Volksbühne lud zum LOVEPANGS™ Kongress. Und die Gäste erschienen, illuster und zahlreich. LOVEPANGS™ beschreibt die (mögliche) Abfolge von Gefühlen nach einer gescheiterten Liebe: PAIN - RAGE - RESENT - OVER.
Eben jene Begriffe sind dann auch Thema der Raum- und Eventgestaltung. Die einzelnen Säle der Volksbühne sind nur durch "Schmerzportale" zu erreichen. Erster Anlaufpunkt ist der Checkin. Fortwährende blechernde Lautsprecher-Ansagen fordern zum Einchecken auf. Ziel ist das Gespräch mit einem der ca. 100 Experten. Ein kurzes Abklopfen der eigenen Gefühlslage, die Frage, mit wem wolle man worüber reden? Namhafte Persönlichkeiten wie die Moderatorin Mo Asumang oder der Autor Moritz Rinke, aber auch Ex-Pornostar Miguel Hosé oder die singende Tellermine Palma Kunkel warten an insgesamt 50 Tischen, die über die beiden Etagen der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufgereiht stehen, auf Gesprächspartner.
"Join the lovesick society" hieß es und die Gemeinde, die kommt, verschmilzt mit der, die bereits da ist. Über allem hämmern unerläßlich Lautsprecheransagen auf' Volk und skandieren Parolen wie diese: "Es ist keine Schande verletzt zu sein!" "Es ist keine Schande schwach zu sein"... Schmerz wird zu Gewinn erklärt, Schwäche zu Stärke. Optisch kommen die hinter den Expertentischen geheften Gesprächsthemenangebote hinzu: "Befreiungsschlagen" / "Pragmatismus" / "Es ist vorbei" / "Was gelernt? Nächster Schritt!" / "Resignation als Befreiung" / "Vorteile der unglücklichen Liebe ". Dies hundertfach.
Derart "zugedröhnt" mit Text auf Auge und Ohr wird endlich die lange wegen Überfüllung verschlossene Tür in den großen Saal der Volksbühne einen Spaltbreit geöffnet - es darf durch den dunklen Vorhang gehuscht werden. Die Zuschauerränke sind bis unters Dach mit Menschen angefüllt, die mehrheitlich in Richtung Bühne blicken, auf der gestikulierend ein in einen blütenweißen Anzug gewandeter Christoph Schlingensief über eine "Noten-Gesellschaft" sinniert, die deshalb funktioniert, weil manche Töne oben und viele Töne unten eine schöne Meldodie machen.
Mitten auf der Bühne ein dunkelgrüner alter Ohrensessel. Daneben eine matt leuchtende vergilbte Stehlampe. Im Sessel schweigt ein stark übergewichtiger Mensch.
Auf der Bühne herrscht eine Athmosphäre wie am zweiten oder dritten Probentag. Es ist nicht so richtig auszumachen, ob irgendetwas von den Vorgängen dort geplant ist oder nicht - Die Antwort wird ungefragt in den Zuschauerraum gebellt: "Wir sind nicht gut... Aber wir sind da!" Und es wird sich beklagt, über die Zuschauer, die sich so gern am wahrem Liebes-Schmerz, wie ihn nur die Oper bieten kann, weiden, aber nicht einmal bereits seien, zu sterben. "Hier stirbt ja keiner!" Und es klingt nicht nur wie ein Vorwurf.
Es wird über Schmerz gesprochen. Menschen werden mit Kamera und Mikrophon visiert und sollen Stellung beziehen. Das eigene Schmerzempfinden wird vehement verteidigt. Die im Raum stehende Frage "Was ist eigentlich Schmerz?" wird derart eingehend beantwortet, daß begonnen wird, abzuwägen. "Der schlimmste Schmerz ist der, den man empfindet, wenn man jemanden verliert, der an seinem Schmerz zugrunde gegangen ist weil man ihm nicht helfen konnte". Eine von vielen Möglichkeiten "Schmerz" zu definieren. Schmerz wird auch verleugnet, verdrängt oder gar nicht mehr wahrgenommen, weil die Wellen des Schmerzes längst über den Häuptern zusammengeschlagen sind. Fest steht am Schluß, daß es sich bei Schmerz um eine äußerst subjektive Empfindung handelt. Der schlimmste Schmerz ist der immer noch schlimmere Schmerz, auf dessen Suche sich die Truppe begibt.
Niemand aber personifiziert heute abend den Schmerz besser, als der arbeitslose Sänger im Ohrensessel, der seine Stimme verloren hat und dennoch ein Lied für seinen guten Freund singt, den er nicht besuchen kann, weil er dessen Adresse nicht hat. Als ehemaliges Ensemble-Mitglied darf er nun ab und dann Teile seines wertlosen Hausrats in einer tragisch-traurigen Verkaufsshow an das Publikum der Deutschen Oper verkaufen - das ihn natürlich nicht einmal ansieht. Die Sänger tätscheln ihn voll des Mitleides. Nur der heute abend erstaunlich zahme Christoph Schlingensief kann angesichts dieses grotesken Elends einen gewissen bitterbösen Zynismus nicht zurückhalten, wenn er dem Gast voll des Verständnisses seinen Dank versichert, daß er trotzdem gekommen ist. Trotzdem, weil er ja immer wußte, daß sie niemals seine Freunde waren, nicht einmal in Zeiten schlimmster Not und ärgsten Verlustes.
Während im Hintergrund Natur- und menschliche Katastrophen jedweder Art ablaufen, im Vordergrund ein Banner mit den wichtigsten Kultur- und Politikdaten chronologisch ablaufend immer tiefer hinabsinkt, reden auf der Bühne alle so durcheinander, daß sich der Zuschauer wie ein Voyeur fühlen muß bei dem Versuch, Teile von Gesprächen zu erhaschen. Die "Ordnung" bzw. Unordnung spiegelt eindrucksvoll das Gefühl der Verwirrtheit im Schmerz wider. In den Zuschauerrängen herrscht reges Kommen und Gehen. Zwischenzeitlich wird auch mal das gesamte Publikum einfach hinausgeworfen, um dann zur anderen Tür wieder hereinzukommen - danach wird es allerdings nicht wieder so voll.
Draußen, rund um die Expertentische, hat sich die Anzahl der Besucher derweil mindestens verdoppelt. Es wird geredet, geguckt, gestutzt, gestaunt. Für Unterhaltung sorgen im Roten Salon Künstler und Bands für RAGE und OVER und im Grünen Salon wird für PAIN und RESENT gerockt. Alles in allem machte die anwesende "lovesick Society" einen sehr gesunden und lebensfrohen Eindruck - was dann auch letztlich das Ziel der Künstlerinnen Jeanette Müller und Carmen Brucic gewesen sein soll. Einer guter Teil der Gäste trug zumindest seinen angegebenen Gefühlszustand in Form eines Buttons stolz auf der Brust. Wir verdanken den Heavy Girls Lighten einen gelungenen Abend und tragen soviel Schmerz mit nach Hause, daß der eigene dahinter verschwindet. OVER.
(IS) © KISS - The Art Of ...