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Berliner Morgenpost, 18.2.2001
Schmerz lass nach
Schlingensiefs durchgeknallte Oper beim Kongress der Liebeskranken
von Ivo Mailand
Wer am Wochenende zu vorgerückter Stunde in die Volksbühne
stolperte, konnte sich leicht in einem Irrenhaus wähnen: Während
im großen Saal eine durchgeknallte Oper inszeniert wird, sitzen
sich draußen auf den Fluren einzelne Menschenpaare gegenüber,
die nahezu autistisch gegen den Rest miteinander kommunizieren. Durch
die Luft blechern regelmäßig Lautsprecherdurchsagen und mischen
sich mit Musikfetzen aus den beiden Theatersalons. Zwischendrein trudeln
Bier trinkende und Suppe essende Grüppchen herum.
Das Volksbühnen-Chaos trägt den Namen LOVEPANGS-Kongress.
LOVEPANGS - kurze, heftige Seelenschmerzattacken, wie man sie nach
dem Verlust des Liebespartners verspürt - sind ein weitverbreitetes
Menschheitsübel, von der die Single-Stadt Berlin einen Endlos-Kanon
singen kann. Entsprechend stark ist der Andrang.
Wie jede Expertenveranstaltung braucht auch der Lovepang-Kongress eine
gewisse Administration. Der bürokratische Ablauf erfordert, dass
sich jeder Volksbühnengast zunächst in eines der vier Painlevels
begibt: Für Pain, Rage, Resent und Over werdens verschiedenfarbige
Plaketten an die Jacke geheftet. Will der solcherart Stigmatisierte einen
der Sachverständigen konsultieren, muss er zuerst am Lovepang-Counter
einchecken.
Die Aussicht, sich fachkundig über seine Liebesqualen austauschen
zu können, ist verlockend, und so sind die 50 Therapietische schnell
ausgebucht. Unter den LOVEPANGS-Experten befinden sich ein Oberstaatsanwalt
a. D., eine Yogalehrerin, eine Autorin "für den Brief danach".
Eine Sinologin misst "auf traditionelle chinesische Weise" den
Puls. Der Ex-Intendant der Berliner Philharmoniker erteilt "musikalische
Ratschläge". Ein Archivar berät über die "Archivierung
enttäuschter Erwartungen". An Tisch Nr. 50 sitzt der beleibte "Verzweiflungsexperte" Peter
Kern. Seinen Klienten erwartet ein belegtes Brötchen und ein erhobener
Zeigefinger: "Wenn Sie mich anlügen, ist die Sitzung beendet!" Anschließend
lässt sich Kern die Telefonnummer der Angebeteten geben. Bei aller
Lockerheit: Dies ist kein Gaudi, sondern offener, hochintensiver Gedankenaustausch über
die vielleicht unterschätzteste Krankheit der modernen Zivilisation.
Während draußen die Expertenrunde tagt, bastelt Christoph
Schlingensief im Volksbühnensaal an seinem Opernführer. Am
vorderen Bühnenrand steht ein Boxring, in dem ab und zu geboxt wird.
Daneben steht ein Rednerpult, von dem ab und zu geredet wird. Das Assoziationswunder
Alexander Kluge ist dem Fürsprecher der Entrechteten zur Hilfe geeilt
und hat den Schlingensiefschen Opernführer mit Bildern und Zitaten
angereichert. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Wo
Kluge mit Kleist und Goethe hantiert, persifliert Schlingensief die Bee
Gees: "Steck ihn rein!" heult er zu "How deep is your
love". Das Publikum kichert mühsam.
Die, welche den geistigen Bocksprüngen der beiden Opernregisseure
nicht folgen wollen, können ihre Liebesschmerzen auch kulinarisch
niederringen. Je nach Schmerzlevel gibt es gelbe Mais-(Pain) oder rote
Linsensuppe (Rage), Bockbier oder Stout, Herzschmerz- oder Glückstee
zu kosten. Wer im eigenen Level verzehrt, bekommt Rabatt.
Gegen null Uhr senkt sich ein Großer Frieden über das Haus.
Schlingensief und seine Getreuen sitzen erschöpft auf dem Sofa.
Eine einsame Opernsängerin trällert sich durch die Flure und
lindert die Liebesqualen der ihr nicht rechtzeitig ausweichenden Besucher.
Der Verzweiflungsexperte isst das letzte Brötchen selbst auf. Für
eine Weile ist alles gut.
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