Überall Liebeskranke (Offenbach-Post, 01.12.03, Amelie Persson)
Schauspiel Frankfurt erklärt Stadt zur "Schmerzkapitale"
„Das ist der schlimmste Tag in meinem Leben", der kleine linierte Notizzettel an der Holzskulptur kündet von tiefer Verzweiflung. Eine Woche lang standen vier der als „Schmerzknotenpunkte" bezeichneten Objekte an öffentlichen Plätzen und luden jeden dazu ein, persönliche Wut, Trauer, Klagen oder Dankesworte zu hinterlassen, etwa im Ankunftsbereich der Uniklinik oder im Frankfurter Arbeitsamt.
Jetzt stehen die Skulpturen vor dem Eingang des Frankfurter Schauspielhauses, wo Carmen Brucic einen Kongress mit dem Titel „Lovepangs" genreübergreifend inSzene gesetzt hat. Und noch bevor die Besucher die Stufen zum Foyer erklimmen können, werden sie von Schauspielern in vier verschiedene Schmerzstadien eingestuft, erhalten den ihrer Kategorie entsprechenden Button und ein Bündel „Lovepangs"-Dollar, das gültige Zahlungsmittel des Abends.
Was die jeweilige Schmerzstufe genau bedeutet, ist dem Programmheft zu entnehmen. Der gelbe „Pain"-Anstecker steht für die erste tieftraurige Schmerzphase kurz nach einer Trennung, dem folgt die Farbe Rot für „Rage", die Phase der Wut und Befreiung bezeichnend. „Resent" (Blau) und „Over" (Schwarz) sind die abklingenden Phasen der Erneuerung und der Überwindung des Schmerzes.
Freundliche Mitarbeiter an „Check-In-Terminals" im Foyer koordinieren Termine für halbstündige Einzelgespräche mit über hundert Schmerzexperten. Viele Prominente sind darunter. Moderator Roberto Cappelluti spricht mit „Rage"-Eingestuften über „Fremdschämen", die Theologin Uta Ranke-Heinemann bietet neben einer
Lesung mit Signierstunde Gespräche zum Thema „Liebe und Sexualität" an. Mit Leuten aus der Schmerzstufe „Pain" spricht Christoph Schlingensief über den „Schmerz, aufs Pferd zu steigen, wenn man gerade runtergestürzt ist". Vergeblich hofft man auf Michel Friedman und seine Lebensgefährtin, TV-Moderatorin Bärbel Schäfer, die in letzter Minute abgesagt haben. Dafür steht Ex-„Brosis"-Sängerin Indira` zur Plauderei bereit.
Wer intime Gespräche scheut, darf die Schmerzbörse bemühen und verfolgen, wie Broker mit Handy am Ohr Schmerzaktien handeln. Die „Pain"-Werte befindet sich im Sinkflug, „Over"-Papiere steigen im Wert. Linderung wird mit „Lovepangs"-Dollars erkauft, sofern das Geld für den Erwerb einer anderen Schmerzstufe ausreicht. Falls nicht, wird die Kreditwürdigkeit in abgedunkelten Nischen am Lügendetektor kontrolliert.
Den passenden Soundtrack liefert die Berliner Gruppe „Team Blender", deren . melancholische Klänge während des größten Trubels für ruhige Momente sorgen. Verletzten Gefühlen kann man zudem beim Theaterkaraoke freien Lauf lassen. „Hamlet", „Faust", „Romeo und Julia" und „Kabale und Liebe" stehen auf dem Programm. Nur wenige nutzen die Gelegenheit. Lieber eine „Heimwehsuppe", die vor dem Nachhauseweg von innen wärmt, während man zum herbstlichem Gitarrenpop der Paul Dimmer Band den Abend noch einmal Revue passieren lässt.
|