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Der Standard, 20.2.2001
"LOVEPANGS" in der Berliner Volksbühne von Claus Philipp
Berlin - Glorie des Abschieds. Triumphales
Verschwinden: Strategie des Verschwindens. Oder: Wie macht man
seine Abwesenheit auffällig? Der Kunsttheoretiker Bazon
Brock steht an einem Tischchen im Foyer der Berliner Volksbühne,
spricht über historische Umgänge mit Abschied und Scheitern
und meint doch vor allem einen gegenwärtigen Mangel - in
privaten wie auch künstlerischen und sozialen Belangen.
Die meisten der jungen Leute, die er hier treffe, hätten
offenkundig gar keine Ahnung mehr davon, was es bedeuten könnte, "einen
Schlussstrich zu ziehen."
Kaum jemand, so Brock, sei noch in der Lage, "sich selbst und das,
was er tut, von einem unausweichlichen Endpunkt aus zu betrachten".
Die Rede ist einmal mehr von einer Generation, in der alle irgendwie
weitermachen, scheinbar ohne Konsequenzen. Sagt Brock, und dann referiert
er heiter über Archive des Scheiterns, über Lebensspannen als Überzeugungsmaßstab
oder über antike Zeiten, in denen ein Triumphzug noch Signal der
Abrüstung und der Entmachtung eines mächtigen, siegreichen
Feldherrn war.
Was hat das nun wieder mit Liebe oder gar Kunst zu tun? Ein kleiner Koffer,
den Bazon Brock mitgebracht hat, lehnt derweilen an der Wand und fällt
kaum auf, weil hier kein Vortrag im eigentlichen Sinne gehalten wird.
Brock führt an diesem Abend in der Volksbühne nur Einzelgespräche
- mit Besuchern eines "Kongresses" zum Thema "Liebesqualen":
LOVEPANGS, basierend auf einer Idee der österreichischen Konzeptkünstlerinnen
Carmen Brucic und Jeannette Müller, versammelte am vergangenen Wochenende
gleich 120 Experten, die etwas zu einer "Ausrufung der liebeskranken
Gesellschaft in Berlin" beizutragen hatten.
Sprechstunde
Der Wiener Barsänger Louie Austen hielt eine Sprechstunde zur Kommunikation
unter Männern; Hannelore Elsner beschwor einen Phönix aus der
Asche; die Modeschöpferin Lisa D. stand für Fragen zur Kunst
der Rache zur Verfügung: Tischchen an Tisch-chen reihte sich rund
um den Hauptraum der Volksbühne - Prominente und Passanten, Ratgeber
und Ratlose, Verliebte und Verrückte, jeweils in Gespräche über
Trennungsschmerzen vertieft, ergaben eine eigentümliche Montage
aus privaten und theoretischen Versuchen über die vermeintliche
Schande, verlassen worden zu sein.
Allzu leicht hätte dabei der Eindruck entstehen können, hier
würde erst recht die Spaßkultur bedient und Bazon Brocks Beliebigkeitsbefund
eher bebildert denn durch stringente Ideen konterkariert. In den Volksbühnensalons
lärmten Konzerte, Getränke wurden verabreicht, LOVEPANGS-Sticker
verteilt - und all das wurde eingeteilt in vier Schmerzphasen, zu denen
sich die Besucher bekennen mussten: "Pain", "Rage", "Resent" und "Over".
Auf der großen Bühne ereignete sich derweilen ein "Imaginärer
Opernführer" von Christoph Schlingensief, für den zuerst
auch "Enklaven", Einschübe von Alexander Kluge, angekündigt
worden waren.
Heiliger Ernst
Jedoch aus Spaß wurde, wie so oft bei Schlingensief, heiliger Ernst.
Aus der bisher zunehmend intensiven Zusammenarbeit mit Kluge wurde jäh,
und sehr passend zum Veranstaltungsthema, Qual: Schon am Samstag erklärte
man vonseiten der Volksbühne: "Die Abwesenheit von Alexander
Kluge, der gestern fünf Minuten vor Start plötzlich mit schwerer
Magen-Darm-Grippe die Bühne verließ, war für alle ein
großer Schock. Diese schmerzliche Erfahrung mag zum Thema des Liebeskongresses
gepasst haben und war deswegen wichtig für Schlingensief, Sophie
Rois, Berhard Schütz und die anderen allein gelassenen Verehrer
von Kluge, der heute Abend bereits nach München abgeflogen ist."
Tatsache war: Kluge mochte sich ganz offenkundig nicht mit Schlingensiefs
feuchtforsch improvisierendem Zugang zu musiktheatralischen Heiligtümern
anfreunden - und gab damit dem Regisseur unfreiwillig die Chance, wirk-lich
heiligen Ernst zu machen. Was ansonsten möglicherweise eine nette
Portion Entertainment geworden wäre, wo etwa ein Pensionistenverein
den Freiheitschor aus Nabucco singen darf, das kippte um in blutigen
Kampf um Glaubwürdigkeit, ums Überleben.
Schlingensief, des ernsthaft-kühlen Gegenpols Kluge beraubt, entwickelte
phasenweise phänomenale Momente aus verzweifelnder Beschleunigung
heraus: Wenn schon alles schiefgehen musste, dann sollten die Zuseher
auch selbst spüren, wie weh das tut. Und während auf einer
großen Videoleinwand Torpedos Landstriche verwüsteten, vertiefte
sich der Theatermacher mit Darstellern in ein leises Spiel vor TV-Kameras,
das mit wuchtigen Musikpassagen vortrefflich kommunizierte. Love hurts!
Und Abschied ist oft heilsam, wenn man die Schwäche nicht überspielt.
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