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SZ vom 19.02.2001 Feuilleton
Kolik der Gefühle
Es gibt kein richtiges Reden im falschen: Die Berliner
Volksbühne ruft die liebeskranke Gesellschaft aus und feiert
die Verwirrung An einem ganz normalen Wochenende stellt sich Christoph
Schlingensief erst einmal in einem blendend weißen Anzug
auf eine Bühne in Berlin, die ein bisschen so aussieht wie
die Resteverwertung unserer kollektiven Tagträume mit all
dem Zivilisationsschrott, dem leuchtenden Alpenpanorama, dem Modell
des Fernsehturms der Stadt, dem Filmkran, dem Boxring und den Zierpflanzen.
Schlingensief also stellt sich mit einem Filzstift in der Hand
vor eine Schautafel und doziert über Dackel und Menschen und
darüber, was die Tatsache, dass ein Dackel doppelt so oft
in den Wald rennt wie ein Mensch, aber nur halb so lang lebt, über
die Simulation von Geschwindigkeit aussagt und damit auch über
die Simulation von Leben. Dann erklärt er kurz das Prinzip
der Oper und warum das Großartige an Rossini das "Lalalalala" sei,
leider komme da immer noch was nach, obwohl das eigentlich reiche,
der Text löse sich dann nämlich auf, und das sei auch
sehr gut, denn dann könne der Verstand einsetzen. Und weil
es ein ganz normales Wochenende ist und die Welt sich schnell und
immer schneller dreht, stolpert man dann nach einigen Stunden,
es muss gegen Mitternacht sein, aus der Volksbühne zurück
ins Hotel und schaltet zur Beruhigung erst einmal den Fernseher
an. "Ja, ja, ja, und immer weiter", brüllt es einem
da dann entgegen, und wieder ist es der allgegenwärtige Schlingensief,
der mit seiner MTV-Sendung U3000 in der Wiederholungsschleife hängt
und ratternden Stillstand produziert. Seine Fernsehbotschaft in
dieser Nacht: "Ich will nicht zynisch sein, ich will kynisch
sein."
Oder hatte er kinetisch gesagt? Bewegung jedenfalls ist das Ziel, und
es ist sicher kein Zufall, dass dieses Wort in einer anderen Zeit, als
Außenminister noch Steine warfen, etwas anderes bedeutete. Von
den großen Bewegungen jedenfalls und vom Politischen an sich ist
jeweils nur noch der Singular übrig geblieben, was nichts anderes
bedeutet, als dass der Einzelne, somit sträftlich allein gelassen,
in Versuchung kommt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Leider,
das wissen Trauerklöße seit 3000 Jahren, macht das die Menschen
auch nicht glücklicher: Der eine projiziert seine Verzweiflung auf
den anderen und nennt das dann Liebe, was aber schon deswegen oft nicht
gut geht, weil zu zweit unterzugehen auch keinen Spaß macht. So
war es sicher höchste Zeit, dass an der Berliner Volksbühne
endlich die liebeskranke Gesellschaft ausgerufen wurde Äì und
zwar in einem Durcheinander, das Schlingensiefs Opernlehrgang auf der
Hauptbühne mit dem Angebot verband, sich mit einem fremden Menschen
an einen Tisch zu setzen, um mal grundsätzlich das Liebesleiden
zu diskutieren.
Im Auge des Orkans
"LOVEPANGS" hatten sie diese Veranstaltung genannt, die sich
die beiden Künstlerinnen Carmen Brucic und Jeanette Müller ausgedacht
hatten: eine zweitägige kongress-artige Großperformance, die nach
dem Prinzip der strukturellen Überforderung funktionierte und in der vollkommenen
Verwirrung mit der Suggestion von Ordnung spielte. "Oskar Roehler, bitte
an Tisch sieben", diese wiederkehrende Botschaft aus dem Lautsprecher gliederte
ungewollt die erste Stunde des Abends. Der Filmregisseur Roehler ("Die Unberührbare")
war einer von 120 so genannten Experten, die von der Kongress-Veranstalterin
Hannah Hurtzig eingeladen worden waren, um in Einzelgesprächen Fragen von
Liebe, Trennung oder sonstigen Lebenslagen zu klären. Pain, Rage, Ressent
und Over stand auf den bunten Buttons, die man am Eingang erhielt, und wer sich
für einen Zustand entschieden hatte, der konnte sich anmelden, um eine halbe
Stunde mit dem Rapper Smudo über Wut zu reden, mit der Politikerin Antje
Vollmer über Schweigen, mit der Fernsehfrau Mo Asumang über Schmerz
oder mit der singenden Tellermiene Palma Kunkel über die wunderbare Wirkung
von Chansons. Für Leute mit Pain-Buttons gab es dazu Pain-Maissuppe und
Pain-Stout. "Pain ist der Ursprung", sagt Imran Ayata, der wie die
anderen Experten auf einem kleinen Podest sitzt, die sich in den Fluren auf den
zwei Stockwerken um den Zuschauersaal ziehen. "Kanak Love Affair" ist
sein Thema, und wenn man will, kann man mit ihm über "das Machismo-Ding" reden
und seine Botschaft hören: "Du musst dich entscheiden, ob du ein Waschlappen
bist oder sagst: Hör zu, Baby, so ist es." Man kann sich mit ihm aber
auch darüber unterhalten, warum diese ganze Veranstaltung wie die linksliberale
Variante von Big Brother funktioniert: Menschen, die mit anderen Menschen über
Gefühle reden, und andere Menschen schauen ihnen dabei zu. "Was bleibt,
ist die Emotion", sagt der Autor und DJ Ayata, was bleibt, ist die Vermischung
von àñffentlichem und Privatem, was bleibt, ist das Auditorium, das zum
Akteur wird. Eine Art kollektive Couch der Erlebnisgesellschaft, ein intellektuelles
Fitness-Studio, "eine kleinbürgerliche Veranstaltung", wie Ayata
sagt. "Wer hier Subversion sieht, der tickt nicht richtig."
Aber eigentlich geht es auch um etwas anderes an diesen zwei Abenden,
und wer so durch die Gänge läuft und den Menschen auf den Podien
zusieht, während aus einer anderen Richtung laute Bässe dröhnen
und drinnen im Zuschauerraum Schlingensief und seine Mitstreiter ihren
imaginären Liebesschmerzen-Opernführer präsentieren, wer
sich also in diesem heillosen Chaos verläuft, der ist bei aller
Verwirrung recht nah am Ziel. Denn da sitzen Leute, denen man dabei zusehen
kann, wie sie vermutlich ihre Lebensgeschichten umwälzen, und man
glaubt zu wissen, was sie erzählen, obwohl man nur dabei steht und
zuschaut. Und während man so da steht, wird man selbst àñffentlichkeit,
so wie auch die Person auf dem Podium öffentlich wird in aller Privatheit
der Geschichten, und die Ausstellung und Inszenierung von Verstehen führt
unweigerlich in die Sackgasse der Missverständnisse. In dem Moment
jedenfalls, in dem man seine eigene Geschichte erzählt, wird man
selbst Teil dieser Inszenierung, und das Leben wird zur Kunst entrückt.
Es ist dieser Widerspruch, der Christoph Schlingensief immer mal wieder
in die Verzweiflung oder den Selbsthass treibt, und darum ist er auch
derjenige, der diesen Wirbel am lustvollsten antreibt. Teilnahme und
Ausschluss, Lähmung und Emphase, Wissen und Reizüberflutung,
der Einzelne und das Kollektiv, das Solo und der Chor, die Oper als Allroundmetapher
für den Alltagsgebrauch - und wer nicht dabei war, als Schlingensief
erklärte, was der imaginärer Opernführer sein soll, den
er sich mit Alexander Kluge ausgedacht hat, der stolpert eben in einen überfüllten
Volksbühnensaal und erlebt, wie ältliche Menschen den Freiheits-Chor
aus "Nabucco" singen, bis Nebel aufsteigt und Schlingensief
das Ganze abbricht. Kameras kreisen ihn ein, er spricht ins Nichts, niemand
versteht etwas, keiner weiß, was wann wohin gesendet werden soll.
Und das ist dann das Ziel, das Ende des Verstehens und der Beginn des
Fühlens, lauter Unverdauliches und die Erfindung der Tragödie
aus dem Geist der Kolik. Hinten sieht man gerade auf einer großen
Leinwand, wie ein Wirbelsturm eine amerikanische Farm klein macht.
Am Ende des ersten Abends sitzen Bernhard Schütz, Sophie Rois und
Schlingensief auf der Bühne und diskutieren das Scheitern ihres
Opernprojektes - und wie sie da sitzen, sind sie schon wieder viel zu
sehr Inszenierung, um wahr zu sein. Am wahrsten war in dem ganzen Lebensrettungs-Chaos
vielleicht die dunkelhaarige Frau mit den roten Lippen, die dort saß,
wo eigentlich jemand ganz anderes sitzen sollte, und munter erzählte,
von ihrem Vater aus Kurdistan, von ihrer Mutter, die eine Haremsdame
war, von ihrem ersten Freund und davon, warum die Liebe in Berlin anders
brennt. Lauter lustige Lügen waren das, das war schnell klar, aber
an diesem Abend war die Lüge das einzige, an das man sich halten
konnte. Und diese Lüge konnte man dann immerhin mit hinaus nehmen
in die Nacht. GEORG DIEZ
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