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DER TAGESSPIEGEL, 19.2.2001


"LOVEPANGS™"
Nur der Mit-Initiator machte schlapp

Alexander Kluge musste beim Kongress der Liebeskranken in der Volksbühne passen
Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge hat ausgerechnet bei dem von ihm und Christoph Schlingensief mitgestalteten "Kongress der Liebeskranken" schlapp gemacht - der 69-jährige hat vorzeitig das Feld mit einer schweren Magen-Darm-Grippe räumen müssen. "Das war für alle ein großer Schock", erklärt eine Sprecherin des Theater. Der Kongress jedoch ist ein großer Erfolg.
Claude-Oliver Rudolph mustert seine Patienten durch eine riesige "Ray-Ban"-Brille und gab Rat abseits der Schulmedizin: als "Klaus Kinskis einziger Erbe". "Liebe-Sünde"-Moderatorin Mo Asumang wirbt tief dekolletiert für die Segnungen des Single-Daseins. Ein "bodenständig-skrupelloses Partnerschaftstherapiegespräch" dürfen die "Patienten" mit Rapper-Smudo führen - und froh sein, einmal zu Wort zu kommen. Eine illustre Schar an Hobbypsychologen und Berufsneurotikern haben die Wiener Aktionskünstlerinnen Jeanette Müller und Carmen Brucic am vergangenen Wochenende in der Berliner Volksbühne zusammengetrommelt, für "LOVEPANGS™", den ersten "Kongress der Lovesick Society" in Berlin.
Nur wenig Besteck benötigen diese Experten für die Operation an den gebrochenen Herzen der Großstädter. Ein Kuli nebst Blatt Papier gehört schon zur üppigeren Ausstattung an den OP-Tischen im Volksbühnen-Foyer, nur in ganz hoffnungslosen Fällen werden schlaue Bücher gewälzt ("Wie Elfen helfen") oder Karten gelegt. Schriftstellerin Gesine Danckwart setzt für ihre Patienten Muster-Trennungsbriefe auf und läuft dabei zu ihrem eigenen Entsetzen zur Hochform auf: "Also, wenn ich selbst diese Briefe bekommen hätte, ich hätte den Typen gehasst!"
Zur Nachbehandlung steht für die Herzkranken eine breite Palette an Heilmittelchen zur Auswahl. Auf das Krankheitsstadium kommt es dabei an: Bei tiefsitzendem Schmerz (Phase "Pain") wird ein Humpen Bier der Marke "Pain Stout" gereicht. "Trost gibt es nicht, es untermauert ihre Gefühle", heißt es in der Packungsbeilage. In der Phase "Rage" (Wut) bringt feurige "Linsen-Chili-Suppe" die Patienten zum Kochen, und wer's schon fast überstanden hat (Phasen "Resent" und "Over"), darf sich mit Apfel-Sellerie-Suppe oder "Over-Tee" in homöopathischen Dosen verlustieren. Dank eines ausgeklügelten Farbleitsystems - jedem Besucher wird ein Button mit seinem Krankheitsstadium ans Revers geheftet - hat das Klinikpersonal immer das passende Präparat zur Hand.
Und wenn das alles nichts hilft, ist man reif für die Musiktherapie von "Oberarzt" Dr. Christoph Schlingensief. Die Volksbühne mutiert zum "emergency room". Aus 37 klassischen Opern hat Schlingensief zusammen mit Alexander Kluge den ultimativen "LOVEPANGS™"-Opernführer zusammengestellt: Nonstop Tränenfluss mit Tristan, Isolde und Konsorten. Eine Katharsis, die durchaus polarisierte: Schluchzend lagen sich einige Pärchen in den Armen. Der Rest versank in immerwährender Depression und schenkte sich noch einmal ein: "Rage-Bockbier" gegen Wut und Trauer.
Das Ausscheiden von Alexander Kluge kommentierte die Theater-Sprecherin weiter: "Diese schmerzliche Erfahrung mag zum Thema des Liebeskongresses gepasst haben und war wichtig für Schlingensief, Schütz, Rois und die anderen allein gelassenen Verehrer von Kluge." Der Filmemacher flog wieder nach München zurück und sei auf dem Weg der Besserung. Die Volksbühne dankte Regisseur Werner Schroeter "für seine spontane Mitarbeit".