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TAZ, 19.2.2001
Es ist schon schön, wenn es wehtut Deine Probleme, meine Probleme:
Auf dem Kongress "LOVEPANGS" sagte die Volksbühne
Ja zum Liebeskummer. Experten trafen auf Betroffene von DETLEF KUHLBRODT
Alles hatte wie so oft etwas wirr begonnen: Onkel Dietrich, der ehemalige
Chefideologe bei Chance 2000, hatte mich wohl vorgeschlagen. Carmen Brucic
von der Wiener Künstlerinnengruppe "Heavy Girls Lighten" hatte
dann gefragt, ob ich beim "LOVEPANGS-Kongress" zusammen
mit Dietrich als Liebeskummer-was-auch-immer-Berater teilnehmen wolle.
Sie sagte, "LOVEPANGS" bedeute Liebesqualen und man habe
sich für diesen Begriff entschieden, weil der andere negativ belastet
sei. Von Trennungsschmerzen, Träumen, Illusionen, ungestillten Sehnsüchten
und einer übergreifenden Kommunikation, die mit dem zweitägigen
LOVEPANGS-Kongress in Gang gesetzt werden sollten, war noch die
Rede und von Alexander Kluge, der zusammen mit Christoph Schlingensief
einen imaginären Opernführer auf der großen Bühne
aufführen wollte. Vor allem, sollte es "keine Schande" sein, "verletzt
zu sein", "schwach", "traurig", "verwirrt", "unproduktiv", "unvernünftig" oder
auch "romantisch".
Alles klang etwas wirr und zugleich klasse, und ich wusste nicht so recht,
weil die Gefühle, für die man sich nicht schämen sollte,
in letzter Zeit allzuoft bei mir vorbeigekommen waren. Außerdem
fühlte ich mich nicht besonders fachmännisch.
So schrieb ich dem Dietrich aus Hamburg: "Experte bin ich ja eigentlich
nur in Sachen ,meine Wohnung gefällt mir nicht' oder ,ich stelle
ständig all meine Möbel um' ", und Dietrich antwortete: "Es
muss irgendwie simpel sein. Tendenz müsste sein: Ja zum Schmerz,
und ,Achja, es funktioniert immer gut, wenn man sich nicht fragt, was
man in einem Raum soll, sondern den Raum fragt, was er von einem will.'
Sagt Dietrich", schrieb Dietrich, und sein Tipp in Sachen Wohnen
leuchtete mir ein.
Nachdem er - während der Filmfestspiele und nachdem ich den "Heavy
Girls Lighten" längst zugesagt hatte - erzählte, er hätte
bei irgendeiner Schlingensief-Geschichte Gitarre spielen sollen, was
er abgelehnt hatte, weil er das Gefühl gehabt hatte, Schlingensief,
der in seinen E-Mails Dietrich oft mit "Lieber Vater" anspricht,
hätte vor allem die Kombination Gitarre spielen und Oberstaatsanwalt
a. D. witzig gefunden, dachte ich auch, dass "OSTA a.D." heutzutage
in bestimmten Zusammenhängen fast so freakig klingt wie Piercing
und lange Haare in den 60er-Jahren.
Wie auch immer. "Der Kongress kam wie gerufen. Einer Freundin geht
es plötzlich so ähnlich. Und mir eigentlich auch. Auch wenn
ich andererseits glücklich bin", sagte Judith, eine junge bunte
Freundin, die ich als Raverin kennen gelernt hatte. Sie sagte, es sei
nicht immer einfach, mit einem Popstar zusammenzusein, und thematisierte
das in ihren Gesprächen, die sie mit Experten führte. Plötzlich
schienen alle am Rande ihres Liebeskummers in zerbrechlichen Hütten
zu wohnen.
Fast alle in der Volksbühne trugen einen gelben Button, mit dem
sie sich zu ihrem Liebesschmerz bekannten: Die 120 Experten - Felix Ensslin,
die Kunstkritikerin Isabelle Graw, Schorsch Kamerun von den Goldenen
Zitronen, Smudo, Dr. Motte, der etwas zu spät kam, Wolfgang Müller
("es sind die Elfen, die helfen"), Antje Vollmer aus dem Bundestag,
die Soziologin Gerburg Treusch-Dieter, Rainer Langhans sowieso -, die
Leute, die sich beraten ließen und die Leute, die sich auf der
Bühne zwischen Opernhass und Gesangesliebe sehr belebend zerrieben.
Am Freitagabend lief Alexander Kluge konsterniert und traurig wirkend
am Rande herum. Tags zuvor hatte man sich nach Wochen der Zusammenarbeit über
die Inszenierung des imaginären Opernführers zerstritten, getrennt,
und Kluge war auch noch krank geworden, wenn ich es richtig verstanden
habe, und Werner Schroeter war dann kurzfristig aus München hergeflogen,
um die Fraktion der Opernfreunde zu stärken.
Die Volksbühne war rappelvoll und alles war klasse. Acht Leute hatten
mich für jeweils halbstündige Beratungsgespräche gebucht.
Komisch, sich so gegenüberzusitzen im lauten Foyer.
Ein Münchner erzählte mir Sachen. Ich war völlig frappiert,
weil seine Probleme auch meine waren, auch wenn er ein ganz anderer Mensch
war. Er beschrieb sie anfangs in den gleichen Worten, mit denen ich sie
beschrieben hätte. Sowieso diese Dinge, über die man sich sofort
verständigen kann oder auch die nette Marihuanaverkäuferin
- und wir unterhielten uns übers Kiffen und so.
Das war seltsam und so interessant und schön, dass man am liebsten
wochenlang so weitergemacht hätte, während im Roten Salon die
Lassie Singers ihr Lied: "Wenn Männer von Freiheit reden (Kotzen)" sangen.
Louie Austen erwies sich als größter Interpret konstruktiv/destruktivsten
Liebes- und Weltschmerzes.
Auf der großen Bühne hatte man wegen dem Klugeeklat alle Konzepte
umgeschmissen und spielte Szenen aus "Schlacht um Europa",
die natürlich auch wieder total umgeschrieben worden waren. Onkel
Dietrich jedenfalls, der zwischen seinen Beratungsstunden eigentlich
auf die Bühne sollte, blieb neben der Bühne stehen, weil er
nichts wiedererkannt hatte.
Man hatte da das Gefühl, als wenn die Dinge, unter denen man ja
nicht nur allein leidet, die in einem selber sich streiten und einander
nicht verstehen wollen, als würde das wirre Geschehen aus dem eigenen
Kopf oder von wo auch immer auf die Bühne verlagert sein. Als wenn
dieses tolle Chaos auf der Bühne inklusive Abbruch und Katzenjammer
am Freitagabend sehr präzise dem entsprechen würde, was in
einem selbst so passiert. Und als wenn das den anderen im Publikum auch
so gehen würde.
Plötzlich dachte man, dass man in sich ja auch Opernliebhaber und
-hasser hat, die den Gefangenenchor von Nabucco singen, dass der Treptower
Frauenchor, der nach vorne gebeugt singen sollte und in dem zwei Frauen
sich dabei einander an den Händen fassten, dass das alles nicht
nur in seiner totalen Widersprüchlichkeit auf der Bühne super
war, sondern einem auch Bilder und echte Menschen für das lieferte,
was so chaotisch in einem selbst passiert.
Am zweiten Tag war dann alles anders. Die euphorisch kommunikative Stimmung,
die überall herrschte, aber blieb bis in den Morgen.
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