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Die Welt, 19.2.2001
Hallo, liebe Liebenden, hier seid ihr fast
richtig!
Der LOVEPANGS-Kongress in der Volksbühne:
ein Happening, promigeil und gaga auf der Schwelle von Kunst
und Geschäft Von Eva Behrendt und Manuel Brug
Berlin - Endlich. Endlich ein Kongress für Liebeskranke, endlich
die Ausrufung der "lovesick society", zwei Volksbühnen-Abende
für die vier Schmerzstufen Ohnmacht (pain), Zorn (rage), Groll (resent)
und Läuterung (over). Wir kennen uns aus. Nach jahrelanger Forschungstätigkeit
- empirisch, analytisch, vergleichend, theoriebildend - sind wir Experten,
immer noch ohne die Entdeckung des finalen Therapeutikums, was allerdings,
so der Erkenntnisstand, dem bewusstseinserweiternden Kummer bloß im
Wege stünde.
Jeder ist hier Spezialist. Das Trauma des Verlustes - eines geliebten
Menschen, dann der Illusionen - gehört zu den Salven, die das Leben
mit unerschütterlicher Gerechtigkeit auf alle abfeuert, die Herz,
Hirn und einen Vornamen besitzen. Klar, dass LOVEPANGS, die knackigere
English Version für Liebeskummer, als Zelebration der Verletzung
und ihrer kommunikativen Bewältigung eine weibliche Erfindung ist.
Die Heavy Girls Lighten, Carmen Brucic und Jeanette Müller, starten
mit dem Liebeskrankenkongress ein Art-Konzept auf der Schwelle von Kunst
zur Geschäftsidee.
Kunst: LOVEPANGS eröffnet in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz,
versammelt Künstler und Kulturarbeiter, darunter den emotional verbandelten
Christoph Schlingensief, bespielt Musik- und Theaterbühnen, plant
eine Berliner Topografie des Herzschmerzes und will den Liebeskummer
als subversive Kraft in einer coolen Gesellschaft behaupten. Business:
Auch wenn die Trademark hinter LOVEPANGS ironisch zwinkert, verfolgt
das Label den Besucher hartnäckig und konsequent, vom marktforschenden
Fragebogen, der wissen möchte: "Welche speziellen LOVEPANGS-Dienstleistungen
würden sie sich wünschen?", bis zum permanent-penetranten
Productplacement als schmerzstufen-kompatible Sticker, Biere und Eintopfgerichte.
Hauptsache: drüber reden. Den asozialen Trip in eine soziale Erfahrung überführen,
das Unaussprechliche kommunizieren. Eine halbe Stunde Reden, Lauschen,
Lernen nur für dich. Oder mich. Mit einem Experten. Unter vier oder
vielmehr tausend Augen. Das ist die zentrale, megaloman-geniale, voll
bescheuerte Idee des LOVEPANGS-Kongresses.Sympathische Menschen
in grauen Overalls vermitteln an vier Terminals Einzelgesprächstermine
mit 120 Experten aller Altersgruppen und Berufssparten: der Ethnologe
erklärt Trauerrituale und Liebeszauber, der Reisebüro-Inhaber
vermittelt LOVEPANGS-Reisen, Unternehmensberater preisen doppelzüngig "Emotionsknete" an.
Man kann prominent mit Antje Vollmer schweigen, Schorsch Kamerun als "Bassin
für Aggressionen" nutzen, bei Lilo Wanders weinen.
Und drinnen, im Volksbühnensaal, ein neugieriges Kommen, ergebenes
Ausharren, enerviertes Gehen: Den lieben Liebenden und Liebesuchenden
wird ein von Alexander Kluge vorformuliertes "Kraftwerk der Gefühle" geboten,
der von Schlingensief patentgeschleuderte ultimative Opernführer. "Bei
Rossini fühlt man sich gut, bei Beethoven muss man aufstehen, losmarschieren
und Polen erobern", verkündet Bernd Schütz als Andy-Warhol-Wannabee
im Arztkittel. Besser ist später seine BeeGees-Nummer mit Christoph
und das "Saturday Night Fever"-Abhotten der beiden Behinderten
im Boxring. Nachtschwester Sophie (Rois) assistiert währenddessen
Werner Brecht beim vergeblichen Verkauf seines Hausrats.
Eine Seniorengruppe marschiert den "Nabucco"-Gefangenenchor
singend vom falschen Bergmassiv auf der Hinterbühne bis ins echte
Sternfoyer und zurück. Vorher haben sie zur Barcarole Walzer getanzt,
angeleitet von Werner Schroeter. Peter Kern hat acht Wurstsemmeln gegessen
und Korngold per Playback geschmettert. Dann hat er seine Partnerin verhauen.
Links stehen zwei Topfpflanzen, denen ist auch schon ganz traurig zu
Mute. Dann wieder Bernd Schütz: "Christoph versteht eigentlich
nichts von Oper. Und wir sind auch gar nicht gut, aber wir sind da." Nur
raus hier.
Draußen auktionäre Hektik kurz vor dem Börsencrash: "Wer
will den letzten Termin bei Ex-Pornostar Miguel Hosé?" OK,
it's me. Der zartfühlende Herr Hosé will mir helfen, mein
betroffenes von den nichtbetroffenen Ichs zu isolieren. In dreißig
Minuten schaffen wir das leider nicht. Immerhin habe ich einem Wildfremden
mit platinblonder Perücke und Oberlippenbart eine abgespeckte Version
jüngster Liebesqualen erzählt.
Es soll nicht die letzte sein. Blut geleckt. Die Theaterautorin Gesine
Danckwart schreibt in meinem Namen einen (naturgemäß unabsendbaren)
Liebesbrief. Ebenso Moritz Rinke, der sich als letzte Romantiker ganz
viel Mühe gibt. Total süß das: "Lass' uns heute
nicht über Sex, sondern über Poesie reden", so fängt
sein Brief an. Dann erzählt Rinke von Chatrooms, in denen kleine
Mädels denken, sie haben Geschlechtsverkehr, wenn sie eine SMS bekommen.
Ex-Kommunarde Rainer Langhans predigt Loslassen und Drauslernen, die
Kunstkritikerin Isabelle Graw packt die Sache intellektueller an und
zitiert Nietzsche oder Proust. Vor Jürgen Kuttners blitzgescheiten
Fragen bin ich schon so weit, dass ich flüssig und frei über
mein gebrochenes Herz improvisieren kann, das endgültig zur small-talkablen
Anekdote geronnen ist. Intimacy? Tschüssikowsky, gottseidank. Und
doch.
Party-People wälzen sich mit glänzenden Augen durch die Volksbühne.
Liebesschmerz lässt sich nicht teilen, wohl aber der Spaß,
die Inspiration, das Flüchtige. Wer grade keinen Termin hat, tanzt
in einem der Salons, wo ein trauriger Butzukispieler vor sich hin zupft
und zwei Perückengirls als "Lebende Jukebox" "My
Baby just cares for me" trällern. Oskar Röhler ist niemals
an Tisch 7 aufgetaucht. "Checken Sie ein", stöhnt die
laszive Ansagerin unverdrossen. Claude Oliver Rudolph steht im Leopardenjacket
dumm rum, der ORF macht ein Interview, Bazon Brock zieht stoisch sein
Bordcase durch den Gang. Philharmoniker-Intendant Elmar Weingarten erteilt
mit schriller Fliege "einen musikalischen Rat", der Sandwich-Mann
versperrt die Tür. Mario Adorf hat nichts verstanden, und bei Hannelore
Elsner kann man noch nicht für Samstag vorbuchen.
Das ist das Schönste und Ansteckendste, was LOVEPANGS zeigt,
diese einander gegenübersitzenden, fremden Paare, ihre konspirativ
vorgeneigten Oberkörper, das Kinn sinnierend aufgestützt, die
Gesichter erhitzt und gezeichnet von habitueller Anteilnahme über
ernste, angeregte Aufmerksamkeit bis zum breiten Lachen. Und darüber
ein warmes, leichtes Flirren, das die geplante Produktpalette von LOVEPANGS für
vollkommen überflüssig erklärt.
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