Antje Vollmer als Ratgeberin (Wiesbadener Kurier online / 1.12.2003)
Kuriose Veranstaltung im Frankfurter Schauspiel / Promi-Talk über Liebe und Schmerz
Frankfurt. Schmerz stand am Wochenende im Mittelpunkt einer der kuriosesten Veranstaltungen, die das Frankfurter Schauspiel je gesehen hat. "Lovepangs" (Liebesschmerz) nennt sich das Projekt der Theatermacherin Carmen Brucic. Unter den prominenten Gästen war auch die Grüne Antje Vollmer.
Von Kurier-Korrespondent Patrick Körber
Carmen Brucic ist Lebensgefährtin des Aktionskünstlers und Regisseurs Christoph Schlingensief. An 25 aufgereihten Tischen sitzen zahlreiche Prominente aus den Bereichen Politik, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft. Sie sind bereit zu einem individuellen Gespräch über Schmerz, "Liebesschmerz", "japanische Herzschmerzheilung", "Schmerz und Lust" oder "Geburtsschmerz".
Im Schauspielhaus schlüpften die Prominenten in die Rolle von Schmerzexperten. Es war ein illustres Aufgebot an bekannten Gesichtern: Die Grüne Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Bundestages, Uta Ranke-Heinemann, Theologin und Tochter des einstigen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, die Sängerin Indira, Ex-Mitglied der Popgruppe "Brosis" und etwa Lottofee Franziska Reichenbacher.
Die Stars des Abends wären zweifellos Michel Friedman und Bärbel Schäfer gewesen, die sich beide über das Thema Liebe reichlich hätten äußern können. Aber sie kommen nicht. "Zuviel Medienrummel" heißt es vom Veranstalter. Eine Besucherin ist enttäuscht. "Ich bin nur wegen Friedman gekommen". Jeder Besucher konnte an zwei Theken einen Gesprächstermin mit einem Schmerzexperten seiner Wahl vereinbaren. Worüber an den Tischen gesprochen wurde, ließ sich nicht mithören, die Tische waren durch Seile abgeschirmt, vor fremden Ohren geschützt. Eine 20-jährige hatte sich mit Christoph Schlingensief unterhalten, über den Schmerz, von einer Schauspielschule abgelehnt worden zu sein. Viel will sie nicht verraten, aber lässt durchblicken, auf Hilfestellung von dem Regisseur zu hoffen. Doch Schlingensief hat es anders gesehen, als ehrliches Anliegen, mit dem Schmerz umzugehen. Er glaube nicht, dass das Mädchen nur eine Rolle wolle. "Sie hatte keine billige Art".
Nach seinen je 20-minütigen Gesprächen mit zwei Frauen, gibt sich der Schauspieler Alexander Beyer - bekannt aus dem Film "Sonnenallee" - entnervt. Eigentlich wollte er über "Isolation und Luxus im Schmerz" reden. Doch hätten ihm beide Damen nur zweideutige Angebote gemacht - "die wollten nur mit mir schlafen. Es waren unpersönliche Gespräche, einfach ordinär". Dabei sei es für ihn eine Ehre, zu "Lovepangs" eingeladen zu sein. Überhaupt finde er, dass Schauspieler in der Gesellschaft unterrepräsentiert seien. "Schauspieler sind nicht nur oberflächlich und flüchten mit ihrer Gage ins Ausland", wehrt er sich gegen allgemeine Vorurteile.
"Alexander Beyer glaubt immer, dass alle Frauen mit ihm schlafen wollen", schmunzelt Christoph Schlingensief und bestreitet, dass die Besucher sich wenigstens zum Teil einen Karriereschub durch das Zweiaugengespräch erhoffen. Es sei schon durch die Gespräche allein therapiert worden. Für Schlingensief sei das Projekt Kunst, "es entsteht eine soziale Plastik". Doch nicht nur Prominente stehen an dem Abend als Schmerzexperten zur Verfügung. Der 17-jährige Schüler Julian Pörksen steht zu dem Thema "Schmerz als Alltag - Erfahrungen in Nepal" zur Verfügung. Kess fragt er: "Was ist für Dich Schmerz". Er wurde von Schlingensief persönlich eingeladen, den er bei einer Reise durch Nepal "tanzend und angemalt" in einem Dorf getroffen habe. Ebenso gehören auch ein Punk, eine Hausfrau oder eine Domina zu der illustren Expertenrunde.
"Total abgedreht", findet eine Besucherin das Konzept. Neben den Tischgesprächen konnten die Besucher sich an der Theaterkaraoke mit echten Schauspielern beteiligen, an einer Börse ihr Startguthaben von zehn Lovepang-Dollar durch geschicktes Handeln vermehren oder sich einem Lügendetektortest unterziehen.
Das wohl sonderbarste Bild gab aber Uta Ranke-Heinemann ab. Auf der kleinen Bühne im Foyer las sie vom Blatt über das Verhältnis zu ihrem verstorbenen Vater. Vor ihr hatten sich fünf Punks niedergelassen, die sich Wein und Bier trinkend auf dem Boden lümmelten. Die Theologin blickte bei ihrer monotonen Rede kein einziges Mal von ihrem Blatt auf, so dass ihr wohl entgangen sein musste, dass ihr niemand der rund 60 sitzenden Zuschauer wirklich zuhörte. Fremder Schmerz kann auch langweilig sein.
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