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Die ZEIT vom 15.2.2001
Die
Schmerzensbrecherinnen
Wer Liebeskummer hat, sitzt daheim und weint. Das
soll sich ändern: Zwei Künstlerinnen veranstalten in
dieser Woche in Berlin einen Kongress für Liebeskranke von
Martina Wimmer

Jeanette Mueller, C.Schlingensief, Carmen Brucic
Foto: Billy & Hells für ZEIT Leben
Unlängst sagte A.: "Ich glaube, ich bin tot." Es ist eine
schaurige Geschichte, A. ist allein mit einem bösen Schmerz. Sie
fühlt sich fast wie tot und bekommt noch nicht mal ein ärztliches
Attest. A. hat Liebeskummer. Sie könnte sich in der eigenen Wohnung
versiegeln und die Teppichhaare zählen. Sie könnte über
Brücken schleichen und springen üben. Oder einem Aufruf folgen.
Aufruf! Sich bekennen, dabei sein, denn dazugehören ist schön: "Join
the lovesick society". Wenn das nicht noch besser klingt als "Give
peace a chance". Die Revolution des Schmerzes: Am 16. und 17. Februar
wird in der Berliner Volksbühne auf dem ersten Kongress der "Lovesick
Society" die liebeskranke Gesellschaft ausgerufen. Rufname: "LOVEPANGS",
geboren als Idee von Carmen Brucic, 28, und Jeanette H. Müller,
29, einem Künstlerinnenduo aus Wien.
In den letzten zwei Jahren haben die beiden um ihre geschützte Wortschöpfung
aus Liebe und dem englischen Wort für stechende Schmerzen ("Pangs
klingt so schön nach Schuss") ein mittelgroßes Universum
erdacht. "LOVEPANGS" ist ein Paket, soll Markenzeichen
und Inhalt, Produktstrategie, Erlebniswelt, Kunst, Gefühl, Kommerz
in einem sein. "Schmerzhafte Gefühle werden von der Gesellschaft
nur als eine Störung im System begriffen. Wir schaffen einen öffentlichen
Raum, in dem private Liebesqualen Beachtung finden."
Die Experten: Teenager, Pornostars und Psychologen
Die Lobbyistinnen der Herz-Patienten operieren auf drei Ebenen: Der Zuschauer
kann seinen Gram in einer monumentalen Gesprächsinstallation teilen.
Christoph Schlingensief und Alexander Kluge inszenieren außerdem
den "ersten imaginären LOVEPANGS-Opernführer",
eine Bühnen-Tour-de-Force durch die schmerzhaftesten Szenen des
Musiktheaters. In zwei Salons musizieren Damenbands therapeutisch bis
brutal - ihre Namen lassen ahnen: Betty Bombshell, Cobra Killer, DJ Female
Macho.
"Das Herz von LOVEPANGS ist die Kommunikation", so wollen es
die Erfinderinnen. Hundert ausgewiesene Spezialisten, darunter Staatsanwälte,
Elfenforscher, Kriminalbeamte, Hutmacher, Laiendarsteller, Teenager, Pornostars
und Psychologen sitzen an zart beleuchteten Tischen zum intimen Zweiergespräch
bereit. Lilo Wanders ist dabei, Rainer Langhans, Rosa von Praunheim, Dr. Motte,
Antje Vollmer, Bazon Brock, die Rapperin Aziza-A, die Viva-Moderatorin Charlotte
Roche, der russische Autor Wladimir Kaminer und der Filmregisseur Oskar Roehler
werden ihre Fachkenntnisse einbringen, Musikberatung und Ernährungstipps
offerieren, oder Hassbriefe für die Hilfe Suchenden schreiben. Jeder Tisch
bietet einen anderen Service, jeder Berater nimmt sich für sein Gegenüber
(vorher anmelden!) eine halbe Stunde Zeit.
Natürlich ist nicht jeder Liebeskummer gleich, der Schmerz oszilliert,
nicht jeder leidet an den gleichen Symptomen. Zur Orientierung haben
die Künstlerinnen vier Schmerzstufen identifiziert und dazu ein
Farbleitsystem entwickelt. Der Leidensweg beginnt mit einem Aufschrei: "Pain" meint
den bodenlosen Schmerz, einsame Trauer und Fassungslosigkeit und ist
im LOVEPANGS-System gelbgrün: eine bösartige Farbe, eitrig-eklig,
die ins Auge hauen soll wie der Trennungsschmerz in die Magengrube.
Wenn die Lähmung nachlässt, kocht das Gemüt hoch: "Rage" steht
für Wut auf den bösen Anderen, auf Gott und die Welt und kommt
so dunkelrot daher, dass man glauben könnte, es sei Blut gemeint.
Dann legt sich der Sturm, kühler Zynismus macht sich breit: "Resent" ist
Oberbegriff für Misstrauen, aber auch das erste Anzeichen eines
sich aufhellenden Kopfs. Die zugehörige Farbe ist Blau wie ein frisch
gechlorter Swimmingpool.
Und irgendwann ist es vorbei, "over". Der Blick ist wieder
klar, der Herzschlag ruhig und regelmäßig, und die Welt dreht
sich von vorn. Alles kann passieren oder nichts, und diese Sicherheit
ist schwarz.
Der Liebeskranke hat die Wahl. Er betritt den Kongress und muss sich
für eine Schmerzstufe entscheiden, ein farbiger Button verrät
das Stadium seiner Qual. Jeder Berater hat sich ebenfalls einer Schmerzstufe
zugeordnet. Ein Terminal koordiniert die Gespräche, der Teilnehmer
checkt sich dort ein und bekommt einen Termin.
Eine kühle Ansagerinnenstimme gibt fortlaufend den Stand der Dinge
durch und ruft versäumte Beratungen aus. 30 Hostessen sorgen dafür,
dass die Teilnehmer zügig am gebuchten Tisch landen. Willkommen
im Zukunftsland der Problemverarbeitung. Als Sprecherin, so vermeldet
man stolz, konnte man die deutsche Synchronstimme von Scully aus Akte
X gewinnen. Was wirklich passieren wird, weiß keiner.
"Es könnte funktionieren," sagen die Organisatorinnen. - "Für
uns funktioniert es auf jeden Fall", meint Jeanette Müller. "Wenn
die Tische leer bleiben, ist das genauso ein Statement. LOVEPANGS ist ein
Angebot."
Suppen und Sonnenbrillen spenden Trost
LOVEPANGS ist außerdem ein Markenzeichen. Das Wort könnte
auf Suppendosen kleben, auf Sonnenbrillen, Badeöl oder Schokolade,
also auf allem, was potentiell Trost spendet. "Wir hatten da einen
komischen visionären Anflug und haben uns den Begriff für bestimmt
300 Dienstleistungen und Produkte schützen lassen. Da ist, außer
Fleisch, so ziemlich alles dabei: Reisen, Telefontarife, Mode ..."
Ein paar Prototypen gibt es bereits: "Grannys Potato Soup" für
Schmerzstufe "Pain", natürlich kreischend gelb verpackt
und liebevoll zugetextet mit wissenswerten Omaweisheiten zum Thema: "Love
is blindness, learn to see again. - Just straighten your back and your
sickness will be over." Oder "Lobster Cream Soup" in schlichtem
Schwarz für den hoffnungsvollen Neubeginn: "It's over" steht
darauf geschrieben und: "You can't have onion soup on your first
date." Sagen die Schöpferinnen: "Wir benennen eine Marke,
weil unsere Gesellschaft über Konsum funktioniert. Man muss diese
Kanäle auszunützen, um das System zu unterwandern."
Der Konsumkosmos ist schon da, man muss ihn nur neu bewerten. Mit eigens
gestalteten LOVEPANGS-Produkten und mit bunten Aufklebern in allen
vier Schmerzfarben, die von Eingeweihten auf Parkbänke, Kaffeehaustüren,
Waschsalons, auf Lieder, Filme oder das beste Papiertaschentuch geklebt
werden können - auf alles, was den Schmerzzustand verbessert.
Zum Kongressauftakt in Berlin wird im Internet der Modellversuch eines
Stadtplans des Leidens veröffentlicht: der (Making) Berlin Lovesick
Guide - traurige Empfehlungen für den Bezirk Mitte.
Schlingensief hat keinen Liebeskummer, im Gegenteil
Vom ersten Kongress bis zur Eroberung des liebeskranken Weltmarkts scheint
der Weg nicht weit, die "LOVEPANGS"-Erfinderinnen sind
im Vorfeld der nahenden Veranstaltung von ihrem Konzept geradezu berauscht: "LOVEPANGS ist
Kunst, es hat eine starke verbindende Idee, wir arbeiten mit der Wirtschaft,
sind medienkonvergent, alles wirkt zusammen. Welches Produkt kann das
schon? Der Kongress ist die Etablierung einer Riesen-Corporate-Identity.
Und wenn man es ganz gemein betrachtet, ist die Schlingensief-Oper ein
gigantischer Werbespot dazu."
Schlingensief wiederum rührt die Werbetrommel mit Liebe. Dabei hat
er gar keinen Liebeskummer, ganz im Gegenteil: Er und Carmen Brucic sind
ein Paar. Für den Kongress sucht Schlingensief in 350 Jahren Oper
die Antwort auf die Frage, "ob die Oper nicht immer schon ein LOVEPANGS-Produkt
war", und inszeniert ein Panoptikum aus Verdi, Mozart, Puccini und
Wagner mit 80 Mann Chor, Kommentatoren von Roger Willemsen bis zu Smudo
von den Fantastischen Vier, mit einer Blasmusikkapelle und einem türkischen
Boxverein und freut sich dabei, Teil eines großen Ganzen seiner
neuen Freundin zu sein. Und was ist mit dem Liebeskummer? "Over.
In meiner letzten Beziehung konnte ich nicht mal mehr kochen, es hat
am Ende einfach nicht mehr geschmeckt."
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